Morgens am Tiber

Rom ist nicht gerade ein Traumziel für Radfahrer. Kaum Radwege, stattdessen überall brüllender Verkehr mit Autos und Bussen, viel Kopfsteinpflaster und jede Menge Schlaglöcher. Dabei steigen immer mehr Römer auf’s Rad, allen voran Bürgermeister Ignazio Marino, der demonstrativ nur noch Fahrrad fährt. Marino hat auch die zentrale Via dei Fori Imperiali für den privaten Autoverkehr sperren lassen. Im Winter ist die Straße zwischen Kolosseum und Piazza Venezia eine beliebte Radlermeile. Jetzt im Mai ist sie aber leider schon morgens verstopft durch Horden von Touristen. Wer sich nicht die Finger wundklingeln will, muss an den Tiber, zum einzigen anständigen Radweg der Stadt. Am besten geht’s runter am Ponte Sublicio in Testaccio, denn dort gibt es eine Rampe und man muss das Rad nicht die Treppe hinabtragen. Was man heute nicht mehr sieht: An dieser Stelle stand mal die älteste Pfahlbrücke der Welt, errichtet angeblich 640 v. Chr. Was man sieht: Den langen Gebäudekomplex von San Michele, wo heute das Kulturministerium untergebracht ist und früher die Waisen, Armen und Invaliden, die „gefallenen Mädchen“ und die Kleinverbrecher weggesperrt wurden. Alle zusammen, damit man sämtliche Außenseiter und Verlierer praktisch in einem 27.000 qm großen Riesengefängnis kontrollieren konnte. Anderthalb Jahrhunderte, von 1684 bis 1834, wurde daran gebaut.

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Die Piste führt unten direkt am Fluss entlang. Wer vor 8 Uhr kommt, kann die Leute von der Straßenreinigung treffen, die hier jeden Tag für die Radfahrer putzen. Tatsächlich finde ich zwischen Testaccio und dem Ponte Regina Margherita kurz vor dem Olympiastadion keine einzige Glasscherbe, bis auf ein paar Flaschenreste, die sich unter dem Ponte Sisto zwischen die uralten Steine geklemmt haben. Dafür ein wunderbares Panorama und vollkommene Stille auf einem der schönsten Radwege der Welt. Die lärmende Stadt bleibt oben, wo sich die Autos auf den Brücken stauen.

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Ein paar Angler versuchen ihr Glück. Nicht, dass man aus dem Tiber Delikatessen fischen könnte – im trüben Wasser leben Karpfen und Welse, und wie die schmecken, möchte man lieber nicht wissen. Die Angler sind Flussmenschen, die unter den Brücken ihre Zelte aufgeschlagen haben oder in Elendshütten am Ufer hausen.

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Die meisten von ihnen stammen aus Osteuropa. Und manche erzählen, dass sie ihren Fisch an gewisse Markthändler verkaufen. Das glauben wir jetzt aber besser nicht.

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Es geht weiter, vom Ponte Sisto bis zur Engelsburg – und alles sieht heute so aufgeräumt aus, dass man sich kaum vorstellen mag, wie der Fluss im Winter getobt hat. Fünfmal ist er über die Ufer getreten und hat Massen von Sand und Schlamm hinterlassen. Jetzt ist das Wasser spiegelglatt und die kleinen Sandinseln, auf denen Kormorane nisten, sind überzogen mit frischem Grün.

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Noch ist es zu früh für die römischen Ruderklubs, deren Mitglieder lieber ausgeschlafen auf dem Tiber trainieren. Ihre piekfeinen Klubgebäude liegen flussaufwärts hinter dem Nobelviertel Parioli. In der Innenstadt sind ein paar wunderbar nostalgische Badeanstalten verblieben, obwohl natürlich das Baden im Tiber streng verboten und vor allem absolut nicht ratsam ist. Zu dreckig, zu gefährlich, sieht man ja auch. Den Blick auf die Flussbäder gibt’s hier:

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Nach zehn, zwölf Kilometern geht’s zurück. Es wird langsam richtig warm.

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Und auf dem Weg am Fluss wandeln die verschiedensten Gestalten. Auf dem Weg zur Arbeit oder zur Messe. Wie die beiden Mönche unten. Und wie die italienische Verteidigungsministerin Roberta Pinotti, die mit zwei Leibwächtern vorbeijoggt. Um 9.12 Uhr. Glückliches, entspanntes Italien.

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Übrigens: Wer von Ausgangspunkt aus in Richtung Süden fährt, dem bietet sich ein ganz anderes Bild. Ein unbekanntes Rom mit den Resten der Warenlager am antiken Hafen unter den Gründerzeithäusern des Viertels Testaccio, den Gebäuden des ehemaligen Schlachthofs und den Industrieanlagen unter dem Gasometer.

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Ein Gedanke zu “Morgens am Tiber

  1. Schöne, ein bißchen neidvolle Grüße an die beste und unterhaltsamste Fußballjournalistin in Europas schönster Umgebung. Drücke die Daumen für’s Juve-Rückspiel. Schon allein weil Sohn Ben, jetzt 16, seit zehn Jahren der treueste aller Pirlo-Fans ist. Danke auch für den kurzen, klaren Kommentar zum Bayern-Trainer. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

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