Familientag

Als ich vor mehr als 25 Jahren in Italien ankam, hatte ich eine kleine Diskussion mit einem Deutschen, der in derselben Bibliothek Bücher wälzte wie ich. Er war schon eine Weile da und erklärte mir, ich sähe Italien in einem viel zu rosigen Licht: „Hier sind die Spießer noch schlimmer als in Deutschland.“ An diesen Satz habe ich mich seither oft erinnert. Inzwischen würde ich sagen: Der Spießerwettkampf wird auf beiden Seiten in aller Härte ausgetragen.

Gestern machte jedenfalls Italien einen sicheren Punkt, beim  so genannten Familientag vor der Lateransbasilika, organisiert von jenen Finsterkatholiken, die der sonnige Argentinier Franziskus so lässig ins Abseits gekickt hat. Es versammelten sich, mit Kind und Kegel, rund 70.000, die felsenfest behaupteten, sie seien eine Million. So ist das, wenn man Probleme mit der Wissenschaft hat: Rechnen können sie auch nicht. Weil aber radikale Minderheiten in den Medien durchaus Anhänger haben (besonders im Sommer), bekamen die Kämpfer für die „natürliche Familie“ überall einen Platz, der ihnen von Vernunft wegen nicht zugestanden hätte. Ein wenig wie die „Pegida“ in Deutschland.

Die bizarre Veranstaltung trug den Titel: „No Gender“, was niemand so recht verstand, am wenigsten wahrscheinlich die Demonstranten selbst. Eine Familie mit elf Kindern wurde frenetisch gefeiert. Und der beliebteste Slogan war: „Wir verteidigen unsere Kinder.“

Na, schönen Dank. Wer, frage ich mich, verteidigt eigentlich die bambini gegen solche Eltern?

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