Mutter Courage

Unfassbar, dass in Deutschland ernsthaft diskutiert wird, die Bundesjugendspiele abzuschaffen. Weil sich der kleine Sohn einer Konstanzer Stadträtin von seinen Konkurrenten gedemütigt fühlte, hat sein Mutter eine Petition verfasst, in der sie den Sportwettkampf als nicht mehr zeitgemäß kritisiert: „Der Zwang zur Teilnahme und der starke Wettkampfcharakter sorgen bei vielen Schülern für das Gefühl, vor der Peergroup gedemütigt zu werden.“

Als ich damals dem Rest meiner Klasse hinterher lief und immer – immer! – als Zweitletzte ins Ziel kam, da ahnte ich nicht, was eine Peergroup ist. Nur das war mir klar: Die anderen konnten um Klassen besser rennen, springen, werfen. Die hatten eine Betoneins in Sport. Und ich hatte eine Betoneins in Deutsch. So ist das Leben, gottseidank, wäre ja schrecklich, wenn wir überall dieselben Überflieger hätten. In 13 Schuljahren und ebenso vielen Bundesjugendspielen habe ich genau eine Siegerurkunde erwirtschaftet. Und dass auch nur, weil meine Beine wuchsen wie gegossen und ich deshalb beim Weitsprung auf einmal allen davon flog.

Eine Flasche im Sport zu sein, ist nicht schön. Beim Fußball immer als Letzte in die Mannschaft gewählt zu werden, ist nicht geschmeichelt. Aber dass Mama genau das der ganzen Republik erzählt und gleich die Abschaffung des Wettbewerbs fordert, ist dann wirklich eine Katastrophe. Eine größere Demütigung für ein Kind kann man sich eigentlich gar nicht vorstellen. Wenn man die Bundesjugendspiele als heulendes Elend verlässt, ist das ein peinlicher Moment. Aber der geht vorbei. Mit übertriebener, mütterlicher Fürsorge hat man hingegen ein wenig länger zu tun. Was soll aus einem Kind werden, das sich noch nicht mal traut, vor Publikum hundert Meter geradeaus zu rennen?

Dabei wäre ein bisschen Trost doch so einfach: Wenn du auch im Sprint eine Null bist, mein Kleiner, und im Fußball immer wie falsch Geld herumstehst – so kann aus dir doch trotzdem noch ein Sportreporter werden. Womöglich einer mit einer Schwäche für Verlierer.

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Ein Gedanke zu “Mutter Courage

  1. Hallo Frau Schönau
    Ich bin schon lang Fan Ihrer sportsoziologischen Betrachtungen😎
    Darüberhinaus erarbeite ich als Reisejournalist im Michael Müller Verlag einen Latiumführer. Zwei Fragen an Sie: ich habe im Latium häufig die Müllproblematik bemerkt die es derzeit auch in Rom gibt. Sind das ähnliche Ursachen? Hätten Sie Interesse einen Gastbeitrag zu verfassen z b über den Erfolg von Frosinone Calcio das müsste doch genau Ihr Thema sein? Falls ich noch Fragen hätte wie kann ich Sie kontaktieren? Mit freundlichen Grüßen Florian Fritz

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