Gedanken zum Ende der Tour

Und wieder geht eine Tour zu Ende. Nicht meine, die läuft weiter, morgens, in aller Herrgottsfrühe über die stetig weiter vergilbenden, grünen Hügel Umbriens. Trampeln, bevor die gnadenlose Sonne in den neuen Tag gefunden hat. DSC_0016

Das tun wir hier alle, weswegen morgens um 7 auf der Landstraße ein gewaltiger Rennradverkehr herrscht, flankiert von gemütlich tuckelnden Opas in alten Pandas, während der motorisierte umbrische Raser und, nicht zu vergessen, auch die Raserin zum Glück etwas später in die Puschen kommen. Aber die Tour de France, die ist jetzt ist vorbei. Und mit ihr meine Lieblingslektüre, die tägliche Tour-Berichterstattung des wunderbaren „Repubblica“-Kollegen Gianni Mura. Für mich wären Muras Texte ja ein Grund, Italienisch zu lernen, was man den Dante-Alighieri-Instituten all over the world vielleicht mal flüstern sollte. Mura nämlich, der im Herbst 70 wird, ist einer der letzten Vertreter eines europäischen Sportjournalismus‘, der es sich noch erlaubt, wirklich Geschichten zu erzählen.

Mura schreibt, wie Pirlo Fußball spielt: Da ist nichts von hysterischer Hetze oder aufgeblasener Wichtigtuerei, da gibt’s kein Muskelprotzen und keine Schwurbeleien. Unaufgeregt, aber unbestechlich, präzise aber originell und vor allem vollkommen uneitel, so ist Mura. Dass er sich im Laufe von 48 Jahren Radsport und Fußball einen gemütlichen Bauch angefuttert hat, weil Essen neben dem Schreiben seine zweite große Leidenschaft ist, macht ihn noch sympathischer. Mura sagt, es gebe zwei Typen von Sportjournalisten. Der erste nutze im vollen Bewusstein seiner Priviliegien als gesellschaftlich unbedeutender Zeilenschinder jede Gelegenheit, um gut zu schmausen. Der zweite habe Gastritis oder einfach nur vor lauter Wichtigsein für das Kulinarische keine Zeit.

Mura hat zum Leben und Genießen soviel Zeit, dass er nebenbei auch noch eine wöchentliche Kolumne als Restaurantkritiker betreibt. Was uns Kollegen dann dazu treibt, in Städten mit Stadion grundsätzlich Muras Tipps zu folgen. Einem Mann, der den Niedergang der kulinarischen Kultur Mailands infolge der Heimsuchung durch „Horden von Models und Art-Direktoren“ beklagt, muss man einfach vertrauen. Selbst kocht er übrigens nicht, weil er von Kindesbeinen an Angst vor Strom und Gas hat. Angeblich.

Sportreporter von Muras Format haben natürlich alles schon gesehen. Und doch hat er kürzlich gestanden, nach dem Tod von Marco Pantani durch eine Überdosis Drogen mit dem Gedanken gespielt zu haben, keine Zeile mehr zu schreiben. Vielen ging es damals so. Inzwischen sagt Mura: „Du kannst deine Zweifel und deine Verdachtsmomente haben, aber so lange du keine Beweise hast, darfst du sie nicht in die Zeitung tragen. Die Unschuldsvermutung gilt auch für Radprofis.“

Nun benehmen sich die meisten Kollegen am Straßenrand leider wie eine Horde Staatsanwälte auf Betriebsausflug. Die Berichte von der Tour de France lesen sich fast durchgehend wie Schnüffler-Fortsetzungsromane, bei denen der Leser auf die Fährte der Dopingsünder im vorderen Feld gelockt werden soll. Die Worthülsen von den Heroen der Bergetappen haben neuen Worthülsen des Dauerverdachts Platz gemacht. Und niemand scheint sich mehr zu trauen, in den Tour-Wochen auch nur einen einzigen Text ohne Verdachtsäußerung zu verfassen – womöglich aus Angst, der Leser könne sich sonst unzureichend informiert fühlen und, noch schlimmer! die Kollegen hielten einen am Ende für hoffnungslos naiv. Hier die Herumeierei von Spon, bei dem Versuch, allen irgendwie gerecht zu werden.

Das Ergebnis ist leider viel zu oft Krampf und Langeweile. Vielleicht nimmt der Engländer Froome ja wirklich was, vielleicht hat er auch nur ein Motörchen am Rad, was ja der Gesundheit immerhin noch zuträglicher wäre. Vermutlich ist er aber genauso Gastritis geplagt wie jene Journalisten, die über ihn berichten. Die Tour ist ja doch längst zum Gipfeltreffen der Verkniffenen beider Lager geworden, man weiß gar nicht, wer weniger Spaß daran hat – die Sportler oder die Journalisten. Man misstraut sich, man verabscheut sich, und wer zu Hause geblieben ist, wartet vergebens auf Geschichten aus Frankreich. Denn dort fand das Rennen doch statt oder?

Gianni Mura lässt sich nicht davon abhalten, die Dinge zu beschreiben, die er sieht. Er sieht eine Menge, es reicht ja, den Blick nicht nur auf den nächsten Dopingskandal zu verengen, der übrigens sowieso kommt, auch ohne, dass wir ihn herbeischreiben. Und mittags, lange vor dem Redaktionsschluss, der für italienische Redaktionen tief in der Nacht liegt, anständig essen zu gehen. Ein Mann mit Prinzipien übrigens. Die Olympischen Spiele in Peking 2008 hat er wegen der chinesischen Missachtung der Menschenrechte boykottiert, indem er seinen Arbeitseinsatz dort verweigerte. Wenn’s darauf ankommt, pfeift dieser italienische Signore eben ganz einfach auf Applaus und Ruhm.

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