Oper, Operette, DFB

Am besten hat mir bei der Gala zur Eröffnung des Deutschen Fußballmuseums in Dortmund Toni Schumacher gefallen. Während nämlich alle anderen auf dem Podium, darin liebevoll betreut und unterstützt von der sonst sehr geschätzten Moderatorin Jessica Kastrop, sich Mühe gaben, jenen Skandal, der bedrohlich groß im Raum stand, geflissentlich zu übersehen, hatte Schumacher seinen Spaß. Er strahlte geradezu in seinem etwas zu engen Anzug, er freute sich diebisch. Frau Kastrop, die dem Vernehmen nach in letzter Minute für einen anderen Kollegen eingesprungen war, der mit einem Auftritt in Dortmund seinen guten Ruf gefährdet sah, bedankte sich artig „für die vielen schönen Exponate, die Sie diesem Museum gestiftet haben.“

Ach, dröhnte da Toni breitbreinig. „Kein Problem, stand doch alles nur bei mir im Keller herum.“ Und weil er gerade dabei war: „Wie ich mich freue, heute abend hier zu sitzen. Das hätte ich mir ja nie träumen lassen, nachdem ich damals wegen meines Buchs aus der Nationalmannschaft geflogen war.“ Ihr Buch „Anpfiff“…assistierte zaghaft Frau Kastrop und wollte eilig weitergeben. „Aus der Nationalmannschaft“, bestätigte Schumacher fröhlich, „und auch beim 1. FC Köln. Das war ein Skandal, damals!“ Da war das Wort!  Und der Saal (Frauenanteil inklusive Kastrop und Hannelore Kraft, ausgenommen Service-Personal, gut drei Prozent) hielt den Atem an. Toni ließ es gut sein, leider. Dabei war sein Anpfiff-Eklat vor 23 Jahren wenigstens noch ein richtiger Skandal mit allem drum und dran. Doping, Sex, andere Drogen, diese Schlüssellochgeschichten aus dem Trainingslager hatten doch was. Und heute? Heute, geht’s nur um Geld. Um sieben Millionen, von denen man nicht weiß, wer sie warum wohin geschoben hat.

Heute sieht man den um Haltung bemühten grauen Niersbach vor dem Festpublikum herumeiern: „Ich bin tief verletzt, das sage ich jetzt ganz hochemotional.“ Wenn er es nicht gesagt hätte, wäre niemand auf die Idee gekommen, dass der Mann hochemotional da oben stand, so definitiv emotionslos kam er herüber, die ganze Gestalt nur Krampf und Resignation. Schnell wechselte Niersbach das Thema. Wirklich anschneiden wollte er es sowieso nicht, nur kurz erwähnen, als könne er es derart verbalexorzistisch vertreiben.

Man braucht eben auch für einen gelungenen Skandal das richtige Personal. Weil das die Regisseure der Dortmunder Gala instinktiv erfasst haben, sprach man Ewigkeiten über die WM 1954 und die Helden von Bern. Schon klar, wenigstens an denen wird selbst der Spiegel nichts skandalöses mehr finden. Und außerdem waren wir doch im Museum, oder?

Dass Beckenbauer, Netzer und Uwe Seeler abgesagt hatten, gab der Zweitbesetzung Toni Schumacher die Chance für den einzigen Lichtblick des Abends. Dass er noch etwas weniger Applaus erhielt als Niersbach, wäre auch bemerkenswert. Am meisten Beifall bekam Horst Eckel aus der 54er Mannschaft. Die Selbstbeweihräucherung geht leider auch in der Ausstellung weiter, in der sich die deutsche Fußballgeschichte wie eine fast nahtlose Abfolge von vier Weltmeisterschafts-Triumphen liest. Immerhin gibt es auch die Entnazifizierungurkunde für Sepp Herberger (Mitläufer) zu sehen. Für 17 Euro Eintritt pro Person. Na dann Glückauf.

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