Horror-Spektakel

Falls sich jemand nach den Anschlägen in Paris noch nicht genug geängstigt und gegruselt hat, seien ihm die Internetseiten der beiden größten italienischen Tageszeitungen empfohlen. Auf repubblica.it  und corriere.it  findet seit Tagen ein immer wieder neu befeuertes Terror-Spektakel statt, das in Europa seinesgleichen sucht. „La fine in diretta social!“ (Corriere della Sera, Übersetzung überflüssig). Die letzten Tweets aus dem Bataclan, die letzten unbeschwerten Minuten des Rockkonzerts, die ersten Schüsse – alles gibt’s auf Video und dazu, als Fotoserie, eine schwangere Frau, die sich in Todesangst an einem Balkon festklammert und die Gesichter der Angehörigen von Opfern beim Verlassen der Leichenhalle. Dagegen ist, was die rechten Revolverblätter „Libero “ und „Il Giornale“ betreiben nur der übliche Populismus, die können sich in ihrer Hetze gegen Muslime und Flüchtlinge also offenbar schon nicht mehr steigern, Gottseidank. Auch Beppe Grillo hält zum Thema IS-Terror endlich mal den Mund und lässt auf seinem Blog lieber einen Doktor über die Volksgesundheit schwafeln, die physische wohlgemerkt.

Die Netzseiten der so genannten liberalen Blätter aber sind in einem wahren Rausch der Emotionen. Hier die Trauerarien, dort die Schreckensgemälde – und in drei Wochen beginnt in Rom auch noch das Heilige Jahr. Zu diesem Anlass gab es heute eine ganze Reihe von Radiobeiträgen, die man eigentlich nur als absolut verantwortungslos bezeichnen kann. Im ersten Programm des Staatssenders RAIuno versteigt sich eine Moderatorin zu der Behauptung, die italienischen Antiterrorkräfte hätten wegen des von Berlin und Brüssel auferlegten Sparprogramms  kein Geld mehr für ausreichend Munition. Die römischen Hoteliers beschweren sich, dass nach den Anschlägen von Paris auch in Rom Hotelzimmer leer bleiben und das Heilige Jahr ein verdammter Flop werden könnte. Heerscharen emeritierter Universitätsprofessoren dozieren auf allen Kanälen, die freie Jugend unserer freien Welt dürfe sich auf gar keinen Fall in ihrer Freiheit einschränken lassen, denn sonst hätten die Terroristen ja schon gewonnen.

Puuh. Überall wird geschwafelt und schwadroniert, was das Zeug hält, und nach drei Tagen wünscht man tatsächlich, dass endlich wieder Fußball übertragen wird. Denn der calcio parlato, das Gerede über Spiel und Spieler ist nichts gegen dieses Blabla, das mit politischer Analyse nichts zu tun hat, und bei dem die Gefühlswellen zynischer dirigiert werden als in der Ultra-Kurve.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s