Amerikanisches Idyll

Mit Fußballern über Literatur zu sprechen, traut sich in Deutschland leider niemand – abgesehen von Herrn Scheck, der kürzlich Thomas Hitzlsperger in der Sendung hatte, aber Hitzlsperger ist ja auch schon ein Ex-Profi und Scheck machte keinen Hehl daraus, dass er das Thema Fußballer und ihre Bücher nicht vertiefen wolle.

Hoch ist hier also die Gazzetta zu preisen, mitsamt ihrer Serie „Libri da Campioni“ (Star-Bücher). In loser Folge werden da Fußballer zu ihrem Lieblingsbuch interviewt, was mal mehr, mal weniger interessant ist. Die Folge  an diesem Wochenende ist herausragend. Nicht nur, weil Nicolas Burdisso, 34-Jähriger Verteidiger bei CFC Genoa mit Vergangenheit bei Inter, AS Roma und argentinischer Nationalelf, sich auf ein Buch von Philip Roth bezieht. Mit dem Gazzetta-Kollegen spricht Burdisso über Roths „American Pastoral“ (Amerikanisches Idyll, 1997) und über die Beziehung des Protagonisten zu dessen Tochter.

Burdissos eigenes Kind war vor ein paar Jahren an Leukämie erkrankt, „und in jener Zeit“, so der Fußballer, „habe ich entdeckt, dass es mir hilft, zu lesen und auch zu schreiben.“ Er zitiert einen Satz von Murakami: „Um zu verstehen, was mit mir geschieht, muss ich schreiben.“

Veröffentlichen mag Burdisso aber einstweilen nichts, was ja auch für ihn spricht. Nicht jeder lesende Profi ist gleich ein Schreibprofi und mit schlechten Büchern von Fußballern und deren Ghostwritern ist der Markt sowieso überschwemmt. Burdisso nutzt aber das Gespräch mit der meistgelesenen Tageszeitung Italiens, um Grundsätzliches loszuwerden:

„Der Terrorismus macht mir Sorgen, aber mit dem Islam hat er nichts zu tun. Das wäre, wie wenn man das Christentum nach den Kreuzzügen oder den Ausschweifungen mancher Kardinäle beurteilen würde.“ Er erzählt, wie er Papst Franziskus, seinen Landsmann, bei der Morgenmesse gesehen hat. Und wie Franziskus ihn fragte: Hast du einen Fußball dabei?

Er selbst habe linke Ideen, gesteht der Argentinier Burdisso „aber das ist auch einfach, wenn du selbst einen Mercedes fährst.“

Dass Genoa mit Burdisso als Abwehrchef gestern gegen Inter 0:1 verlor, ist nach diesem Interview eigentlich völlig egal. So lange sich solche Typen in Italiens Stadien tummeln, kann der Fußball hier doch gar nicht so schlecht sein.

 

 

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