Wintermärchen I

Im Januar mit dem Auto nach Deutschland zu fahren, mag nicht jedermanns Sache sein. Ich mag’s. Erstens kann ich losfahren und einpacken, wann und was ich will. Zweitens mag ich das Auto selbst, so alt, dass auf dem Nummernschild noch Roma steht, ausgeschrieben. Die Ortsbezeichnung wurde vor 20 Jahren abgeschafft, aus Respekt vor dem Rassismus der Lega Nord. In Norditalien sollte man nicht mehr am Nummernschild ablesen können, ob jemand aus Süditalien kam. Also, das stolze Roma-Schild des alten Autos ist nicht zu übersehen.

Bis zum Brenner war unsere Fahrt fantastisch. Sonne, alles trocken, nur die Roma, seit ein paar Tagen wieder von good old Luciano Spalletti  trainiert, ließ sich wie ehedem in der zweiten Halbzeit einholen. Diesmal von Hellas Verona, während übrigens Juventus gemütlich eine 4:0-Führung gegen Udinese verwaltete. Auswärts.

Auf dem Brenner: Schnee. Tonnen von Schnee. Bei Minus 8,5. Mit eingefrorenen Scheibenwischern rutschten wir durch Österreich, das alte Auto und ich. Es war dunkel inzwischen, die Winterlandschaft blitzte aber trotzdem ganz fantastisch, bis Rosenheim. Dann Vollsperrung der Autobahn, wegen – Überraschung! Schnee. Wir runter, zur Tankstelle, Scheibenwischer und Tank betreuen. Vor der Kasse eine Schlange von deutschen Männern, draußen ihre jungen Autos. Die deutschen Männer beklagten sich endlos beim strahlenden Kassenmann mit Migrationshintergrund (türkisch). Es war ein Geschimpfe und Geklage wie nach einem verlorenen Halbfinale, dabei war bloß ein bisschen Wetter.

„Die Deutschen sind nicht mehr die von früher“, sagte mein römischer Angetrauter am Telefon, dieser Satz ist in Italien inzwischen ein geflügeltes Wort, das immer dann losfliegt, wenn Italiener von Chaoszuständen in Deutschland hören oder davon, dass Deutsche Kreislaufprobleme oder Schnupfen haben. Italiener haben keinen Kreislauf und Schnupfen sowieso nicht. Auf die Frage: Wie geht’s? antworten sie grundsätzlich bene, grazie. Außer nach einem verlorenen Halbfinale.

Ich beschloß, Rast in Miersbach zu machen, bei Nico. Ein Weißbier, alkoholfrei, wurde gebracht. Es war mittlerweile neun, zehn Stunden Fahrt lagen hinter mir, ich bestellte Nudeln mit Tomatensauce. Während ich wartete, konnte ich zusehen, wie die Küche geputzt wurde. Die Nudelbestellung war vergessen worden und Nico war auch kein Italiener, denn in Deutschland sind auch die Italiener nicht mehr die von früher. Er hatte irgendeinen Balkan-Migrationshintergrund, abzulesen an der Speisen- und Getränkekarte. Nach einer guten halben Stunde beschloss ich zu gehen.

Das alte Auto funkelte mitleidig. Und brachte mich über die Landstraße nach München.

 

 

 

 

 

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