Hundert gute Gründe in Rom zu leben/3

Die Piazza Vittorio Emanuele II. ist der größte Platz der Stadt, umstellt von riesigen Gründerzeithäusern, hinter deren rosa-und okerfarbenen Fassaden sich Wohnungen mit Deckenhöhen von über vier Metern verbergen. Wir wohnen in einem 4. Stock, Blick über die Piazza und in einen Innenhof, der an das Ostberlin der 1980er Jahre erinnert, aber ungleich lebendiger ist. Und lauter als der Platz, über den doch Tag und Nacht ein guter Teil der 3,6 Millionen römischen Autos donnern, zu schweigen von den Bussen. Im Innenhof also spielt sich das pralle Leben ab, angefangen von den Ehedramen bis hin zur Schreitherapie der chronisch griesgrämigen Therapeutin im 2. Stock, die wegen ihres beeindruckenden Bauchumfangs derart kurzatmig ist, dass sie uns grundsätzlich nie grüßt. Aber ihre Patienten lässt sie brüllen, was deren Lunge hergibt.

Ja, es ist bunt hier. Und chaotisch. Und laut. Und schmutzig. Wir liegen zwischen Bahnhof Termini und Kolosseum mitten im anstrengendsten Viertel der Innenstadt. Hier ist nichts gentrifiziert, nichts schick, nichts touristisch. Aber doch echtes Rom. Ein gewisser Gaius Maecenas, Freund des Augustus und Erfinder des nach ihm benannten Mäzenatentums, residierte hier. Und überall stolpert man über antike Reste, wobei diese Teile eines altrömischen Aquadukts eindeutig zu groß sind, um darüber zu stolpern:

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Ein paar Wasserleitungsbögen weiter schmiegt sich ein Luxushotel an Roma Antica:

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Vor unserer Haustür schlafen die Armen, denn unter den Laubengängen sind sie vor Regen und eisigem Wind geschützt. Im Winter werden es mehr, jetzt, im Frühling, bleiben nur die Stammgäste. Die Arkadengänge sind verstopft mit Ständen, wo irgendwelcher Ramsch aus aller Welt angeboten wird, von Indern und Bengalen, die mit den Anwohnern im Dauerclinch liegen, weil sie die Stromleitungen anzapfen und die Parkplätze besetzen. Und in den Läden und Häusern gibt es immer mehr Chinesen, die angeblich mit Koffern von Bargeld zahlen können und mit dicken Autos deutscher Produktion herumfahren, interessanterweise auch oft mit deutschen Nummernschildern. Was vermutlich daran liegt, dass man in Deutschland immer noch alles cash kaufen kann, sogar ein Auto. Hier ist bei 3000 Euro Schluss.

Den Chinesen wird alles mögliche nachgesagt. Tatsache ist: Ihre Kinder überflügeln in den Viertelsschulen die Italiener. Und ihre Frauen treffen sich zur Morgengymnastik mitten auf dem großen Platz. Heute früh zu den Klängen von „Freude schöner Götterfunke“, was sich auf Mandarin gleich viel weniger bombastisch anhört.

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Wenn man genau hinschaut, sieht man, dass diese fröhliche Gruppe gar nicht nur chinesisch ist, in der letzten Reihe tanzt nämlich auch eine Italienerin. Und damit wären wir bei der wichtigsten, um nicht zu sagen hervorstechendsten Eigenschaft unseres Viertels: Es ist tolerant. Es gibt ein paar Neofaschisten mit ihrer Höhle in der Via Napoleone III., aber die kriegen hier kein Bein an die Erde. Sie hatten mal eine Trattoria, die musste nach wenigen Jahren die Schotten dicht machen.

Wir gehen halt lieber zu Sonia, die eigentlich anders heißt und das sicher nicht beste aber berühmteste chinesische Restaurant Roms führt. Ihr „Hang Zhou“ hat keine Website und reservieren kann man auch nicht. Und doch sind die riesigen Speisesäle an einer besonders schmuddeligen Straße immer voll. An den Wänden hunderte von Fotos mit Sonia und lokaler Prominenz. Wer hier nicht war, der war nicht in Rom. Vor allem, weil man das chinesische Essen mit einem Eis bei Fassi auf der anderen Straßenseite beschließen kann.

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Fassis „Palazzo del freddo“ (Eispalast) war 1880 die erste Eisdiele in Rom und ist heute ein beliebter Treffpunkt für Schleckermäuler aus aller Welt.  Die Familie bewohnt immer doch den Stammsitz, unten im Café scheint die Zeit irgendwann um die letzte Jahrhundertwende stehen geblieben zu sein. Dabei gehört die Marke Fassi, der Inbegriff römischer Eismacherkunst, seit Jahren einem Lebensmittelriesen in Südkorea.

In der Via Giolitti, gegenüber dem düsteren Tunnel unter dem Bahnhof, wo Nacht für Nacht die Ärmsten schlafen, wird man von Italiens Dichterfürsten Dante im Empfang genommen. Dante späht, wie sich das gehört, verliebt nach seiner Beatrice, die in diesem Fall Dibore heißt und aus dem Senegal stammt. Dibore hat die Sprache Dantes in der kleinen Freiwilligenschule gelernt, deren Eingang sich gleich neben dem Wandgemälde befindet. Dort unterrichten Ehrenamtliche Italienisch für Ausländer.

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Nach Dante ist auch ein Platz im Viertel benannt und an der Piazza Dante befindet sich unser Postamt, das, wie könnte es anders sein, ein besonderes Postamt ist.

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Die Leute am Schalter sprechen außer Italienisch auch Chinesisch, Arabisch und Englisch. Man kann eine Wartenummer für die gewünschte Sprache ziehen und in der Wartezeit zum Beispiel die „Göttliche Komödie“ lesen, die es ja in allen möglichen Übersetzungen gibt, auf französisch übrigens von unserer leider verstorbenen Nachbarin Jaqueline Risset, einer Grande Dame und beeindruckenden, europäischen Intellektuellen, die Rom und besonders unser Viertel sehr liebte.

Wir können den kleinen Rundgang um die Piazza Vittorio nicht beenden, ohne wenigstens kurz über den Markt zu schlendern. Früher einmal befand er sich auf dem Platz und als ich vor nunmehr 25 Jahren das erste Mal hier wohnte, gab es auf dem Mercato di Piazza Vittorio, dem größten Roms, noch lebende Hühner, Enten und Kaninchen zu kaufen. Das ist seit dem Umzug in die Gebäuder ehemaligen Münzpräge an der Via Principe Amedeo nicht mehr möglich, aus hygienischen Gründen.

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So aufgeräumt sieht es hier aus.Auch gegenüber, in der Kleiderhalle, wo prächtige indische Saris feilgeboten werden:

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Zwischen den beiden Markthallen gibt es einen kleinen Innenhof. Hier befindet sich die Fakultät für Sinologie der römischen Unversität La Sapienza. In der Kaffeebar hinten rechts unter der immergrünen Pergola treffen sich Markthändler und Studenten.

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So idyllisch kann Roms wildester Platz sein. Vielleicht wohnt deshalb der Schöpfer von „La Grande Bellezza“ hier. Der Oscar-Gewinner Paolo Sorrentino schwebt hoch über der Piazza in einer Dachwohnung mit einem Blick, der so ähnlich sein muss wie dieser von unserer Gemeinschaftsterrasse. Der Schnee auf dem Berggipfel hinten ist echt, auch wenn es sich nicht um den Kilimandscharo handelt, sondern um den Monte Terminillo.

terrassemär

 

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