Immenso

Fußball ist unsere Religion und Totti ist unser Prophet, so lange wie wir Römer sind.

Ewigkeiten hat ihn dieser Krypto-Laziale von Spalletti heute bei den Aufwärmübungen belassen, auf und ab an der Seitenlinie bis zur 86. Minute. Dann endlich, als das Spiel gegen Torino schon vorbei und verloren scheint, beim Stand von 1:2 , darf der größte Fußballer, den Rom gesehen hat, das Spielfeld betreten. Er hat noch wenige Minuten, er braucht nur  zwei. Für zwei Tore. Tottis Roma gewinnt 3:2, der dritte Platz und damit die Aussicht auf die Champions League ist gesichert.

Tottip

Wir verneigen uns. Und feiern morgen den 2769. Jahrestag der Stadtgründung im Totti-Trikot. Ich schwör’s. Re de Roma!

Als nach dem Schlusspfiff aus dem Stadionlautsprecher das Vereinshalleluja „Grazie Roma“ ertönte, da wandelte das Publikum flugs den Text um. Danke Totti, der du uns zum Weinen bringst und dazu, uns zu umarmen. Dank‘ dir Totti fühlen wir uns wie neugeboren. Romulus, Augustus und Totti, das ist die römische Dreieinigkeit. Einer hat die Stadt gegründet, der nächste ein Imperium erobert. Und der dritte spielt Fußball jetzt und in alle Ewigkeit.

Die Intimfeindschaft zwischen Totti und Spalletti hält die Fans seit Wochen in Atem. Mitte Januar war der 57-Jährige Trainer nach Jahren bei Zenit St. Petersburg und mit zwei russischen Meistertiteln im Gepäck nach Rom zurückgekehrt, wo er bis 2009 bereits vier Jahre lang gearbeitet hatte. Auch damals war Francesco Totti schon Spallettis Kapitän, vor allem aber war er längst ein römisches Monument wie das Kolosseum oder der Trevibrunnen. Totti spielt seit 23 Jahren in der 1. Mannschaft, führt sie seit 1998, wurde 2001 mit der Roma Meister und 2006 Weltmeister in Italien. Als einziger Spieler besitzt er Anteile am Klub und hat sein eigenes Büro. Doch das sind Äußerlichkeiten. Die grenzenlose Verehrung der Fans verleiht Totti Macht. Lange konnte er über Mannschaftskollegen und Trainer bestimmen, vermutlich war er auch an Spallettis Verabschiedung beteiligt. Als der Coach jetzt zurück kam, war Totti immer noch da, mit einem Vertrag, der Ende Mai ausläuft.

Klubpräsident James Pallotta, ein Italo-Amerikaner mit Wohnsitz in Boston, weigert sich, zu verlängern. Er will Totti noch nicht einmal umsonst spielen lassen. Das römische Idol ist dem amerikanischen Geschäftsmann zu unbequem. Als Totti merkte, dass sein Chef ihn kaltstellen will, gab er schnell der italienischen Tagesschau ein Interview, in dem er Respekt für seine Lebensleistung verlangte. Die Tagesschau machte damit auf. Es ging schließlich um den populärsten Fußballer Italiens.

Pallotta versteht Rom nicht. Und Spalletti kapiert Totti nicht. Beide tun so, als sei die Roma ein normaler Klub in einer normalen Stadt. Und als sei der Kapitän ein normaler Spieler. Rom hat seit Monaten keinen Bürgermeister, aber immer noch 23 Radiosender, die sich nur mit Lokalfußball beschäftigen. Ein böses Wort gegen Totti kann sich weder ein Politiker noch ein Kardinal leisten und ein Luciano Spalletti schon gar nicht.

Am vergangenen Sonntag, als seine Mannschaft gegen Atalanta Bergamo zu verlieren drohte, wechselte Spalletti seinen Edelreservisten eine 13 Minuten vor Schluss ein. Prompt traf Totti zum Ausgleich. Trotzdem stritten sich die beiden laut Augenzeugenberichten, dass die Fetzen flogen. „Seid 10 Jahren macht ihre eine Sch…figur!“ soll der Trainer die Mannschaft angeschrieen haben. Als Totti auf sein Tor hinwies, brüllte ihn Spalletti an: „Sei ruhig, du spielst doch bis 2 Uhr in der Nacht Karten!“ Nachfolgende Handgreiflichkeiten wurden von beiden Seiten dementiert.

Im September wird Totti 40 Jahre alt. „Er trainiert jetzt wieder ordentlich“, berichtete Spalletti nach der Gala am Mittwoch. Und gestand mit schiefem Lächeln, er sei es Leid, immer als „böser Bube“ dargestellt zu werden, „in der Rolle des Spielverderbers, dabei will ich nur das Beste für die Mannschaft.“ Das mag alles sein, aber darum geht es nicht. Das Talent kennt keine Pensionsgrenze und keine Hierarchien, es entfaltet sich nach seinen eigenen Regeln. Der brave Spalletti sollte sich vom Saulus zum Paulus wandeln. Denn der Tottismus ist die einzige Religion, die niemandem wehtut. Und mehr kann man eigentlich nicht wollen vom Fußball, in diesen Zeiten.

 

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