Schrecken und Hybris

Das Erdbeben in Mittelitalien entpuppt sich als Tragödie ohne Ende. Noch immer werden Tote und – wenige Überlebende – aus den Trümmern geborgen, die betroffenen Orte sind vollkommen zerstört. Uns erreichen Bilder wie aus dem Krieg, dabei hat für Sekunden die Erde gebebt, nur wenige Kilometer von uns entfernt. Leben, Hoffnungen und Lebensentwürfe wurden ausgelöscht, Kirchen, Monumente, Zeugnisse unserer Kultur.

Schon Stunden nach dem Beben hob, vorzugsweise in Deutschland  und in der Schweiz, also Ländern, die im Unterschied zu Italien mit Erdbeben nicht die allergeringste Erfahrung haben, die übliche Kritik an. Italien baue halt nicht erdbebensicher, unter anderem wegen seiner weit verbreiteten Korruption und der erwiesenen Unfähigkeit von Behörden und Politikern, und das sei nun das Resultat. Es ist die übliche, reflexhafte Reaktion von jenen, die meinen, sie könnten alles unter Kontrolle bringen. Dabei zeigt die italienische Tragödie, dass wir gar nichts unter Kontrolle haben, am wenigsten unsere Angst. Und diese Angst führt vor allem dafür, dass das Misstrauen gegenüber den Fremden oder überhaupt den Anderen wächst. Nicht dazu, dass wir unser eigenes Leben schöner machen, weil es morgen vorbei sein kann. Oder unsere Neubauten sicherer.

Wir Europäer erleben einen Sommer des Schreckens und der Hybris. Der Schrecken manifestierte sich auf vielfache Weise, meistens war er Menschenwerk. Tote in Nizza, in München, Anschläge in Würzburg und Ansbach. Und immer wieder in der Türkei. Schließlich die Toten von Amatrice, Accumuli, Pescara del Tronto, bis jetzt über 240.

Die Hybris steht dem Schrecken in nichts nach. Außerhalb von Italien ist das Erdbeben schnell wieder aus den Schlagzeilen verschwunden. Von der Seite drei ins Vermischte. Stattdessen diskutieren wir über die Opportunität von Burkinis. Die Welt ist schlecht und voller Gefahren, also schreiben wir als erstes mal den Frauen vor, wie sie sich am Strand anzuziehen haben. Es ist so absurd, dass man weiter gar nichts dazu sagen möchte. Nur soviel: Der schlimmste Anschlag der letzten Jahre auf deutsche Bürger wurde nicht von einem Flüchtling mit psychischen Problemen verübt und auch nicht von einer verhüllten Muslima. Am Werk war ein deutscher Pilot ohne Migrationshintergrund am Steuer einer Germanwings-Maschine.

 

 

 

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