Der Ferrante-Hype

Wenn Nicole Kidman sich als glühende Adeptin beispielsweise des Ulysses outen würde, käme unsereins tatsächlich ins Grübeln. Aber die Leserin Kidman empfiehlt weder Joyce noch Feuchtwanger, weder Bellow noch Ingrid Keun. Sondern Elena Ferrante, das italienische Autorenphantom, dessen Saga um die „geniale Freundin“ ab heute auch in Deutschland erscheint und Millionen von Leserinnen (plus einige tausend Leser) in Verzückung versetzen wird. Es handelt sich um leicht lesbaren Kitsch, eine platte und fürchterlich langweilige Freundinnen-Story aus dem Neapel der Nachkriegszeit, die ich noch nicht mal ins Stadion mitnehmen würde (alte Gewohnheit: immer ein Buch auf die Tribüne schleppen, Fußball kann ja, genauso wie Literatur, grausam langweilig sein).

Ebenso wenig wie Francis Bacon Arme malen konnte, vermag es Elena Ferrante Charaktere zu entwerfen. Aber die internationale Kritik ist trotzdem begeistert. Auch in Deutschland: Hymnen allenthalben. Immerhin hat das literarische Quartett (sonst nicht mein Maßstab ) Tacheles geredet und der Kollege Steinfeld von der SZ, der selbst, nicht ganz so erfolgreich, auch schon mal unter Pseudonym veröffentlicht hat, wird wohl ebenfalls kein Ferrante-Fan mehr. Es sind Stimmen von Predigern in der Wüste. Überraschend ist das aber nicht. Die deutsche Literarurkritik ist ja längst ebenso wenig originell wie die amerikanische. Wann hat man denn zuletzt einen ehrlichen Verriss gelesen, der nicht von dem schrecklich ätzenden Maxim Biller kommt? Erst Knausgard, dann Ferrante.

Kitsch triumphiert und banal verkauft sich bestens.

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Ein Gedanke zu “Der Ferrante-Hype

  1. Liebe Birgit Schönau, wie fühlt sich das an, mit einem Buch auf der Tribüne? Das habe ich mich hier ehrlich gesagt noch nie getraut, obwohl Sie völlig recht haben: Wie entsetzlich langweilig kann das manchmal sein, wenn sich da unten die Leute um den Ball bemühen. Was haben Sie da zuletzt gelesen? Und wie war die Reaktion der Tifosi, die Ihnen doch sicher nicht unverdutzt zugeschaut haben, als Sie seufzend ein Buch aufgeschlagen haben? Vielen dank jedenfalls für die herzhaften Worte. Aber man darf das den Schauspielern auch nicht zu übel nehmen. Schon Mastroianni hat sie als „leere Schachteln“ beschrieben und sehr intelligent erklärt, warum das so sein muss. Kennen Sie seine Erinnerungen? „Si, io mi ricordo“ – das war für mich mal vor Jahren das Buch des Jahres – besser als alle Romane, die damals drumherum und unter großem Geschrei erschienen. Herzliche Grüße von einem Fan
    Ihr

    Heinrich v. Berenberg

    PS. Vor zehn Jahren haben wir mal in einem italienischen Restaurant hier in Berlin mit dem senatore Gianni Rivera nach einer Veranstaltung zusammen gesessen.

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