Von der Nachbarschaft

Unser Nachbar am Rande eines kleinen Dorfs in Umbrien war Australier. Er baute Einkaufszentren in Malaysia, und das dort gescheffelte Geld steckte er beispielsweise in eine riesige Parkanlage rund um seine Villa, in ein kleines Meditationszentrum und die dazu passenden Buddhastatuen. Der Meditationsort und die Buddhas sollten die Frau des Australiers dazu bewegen, Australien zu verlassen und in Umbrien buddhistische Kurse abzuhalten. Es erwies sich aber, dass das mit der gewerblichen Meditation in Italien nicht so der Hit war, und deshalb blieb die Frau unseres Nachbarn lieber zu Hause auf dem fünften Kontinent. Der Australier wartete ab, bis die fünf Jahre Frist zum Weiterverkauf abgelaufen waren und trat Villa, Park und Buddhas an einen Italiener ab. Der Italiener betrieb das Gegenteil von Meditation, nämlich Rallye-Fahren. Er schaffte die Buddhas aus dem Park und installierte eine Flutlichtanlage, die auch unseren Olivenhain nachts so hell erleuchtete, als wäre es das Stadion von San Siro. Das war im Winter.

Als der Frühling kam, machten sich auf dem Nachbargrundstück Raupen, Bagger und Traktoren zu schaffen. So entstand eine Piste. Der neue Nachbar verzierte sie mit Werbe-Bandarolen und zu Ostern feierte er Eröffnung. Vier Tage lang brausten Rennkarts über die Piste, der Lärm war ohrenbetäubend und atemberaubend. Am Dienstag nach Ostern ging ich zum Bürgermeister, der von der neuen Rennpiste in unserem Dorf noch gar nichts wusste, aber routinemäßig die Carabinieri zur Kontrolle schickte. Diese stellten fest, dass der Nachbar eine Kart-Schule geplant hatte, mitten in der umbrischen Pampa. Die paar Bauern um ihn herum, so glaubte er, könnten doch nicht ernsthaft etwas dagegen haben. Schließlich sei er ein Rallye-Champion, eine große Nummer für unser kleines Dorf. Wir sollten ihm gefälligst dankbar sein. Arbeitsplätze!

Die Carabinieri sagten, das sei schon in Ordnung, aber er benötige trotzdem eine Lizenz. Die gab es nicht. Die Kart-Schule wurde nicht genehmigt und die Piste für gewerbliche Zwecke nicht frei gegeben. Der Bürgermeister gestattete der großen Nummer lediglich, seinen neuen Rennwagen auf der Dorfstraße auszuprobieren, was für einige Aufregung sorgte. Die Olivenbauern standen tatsächlich auf dem antiquierten Standpunkt: Gleiches Recht für alle.

Jahrelang fuhren der Champion und seine Familie mit Mopeds und Karts über die Piste. Sie durften das, privat. Wenn es um das Freizeitvergnügen seiner Bürger geht, ist der italienische Staat sehr nachsichtig. Wir litten also vor uns hin, nachdem unsere vorsichtigen Anfragen nach weniger Dezibel mit Prügelandrohung beantwortet worden waren. Und warteten darauf, dass der jungen Gattin der großen Nummer die umbrische Pampa langweilig würde. Das geschah ziemlich schnell. Sie kamen seltener, die Piste wucherte zu und das Flutlicht wurde auch kaum noch angestellt. Zu Silvester zündeten sie ein Feuerwerk, das man fast bescheiden hätte nennen können. Und am 2. Januar kamen Raupen, Bagger und Traktoren.

Wir hielten die Luft an. Was das endgültig das Ende unseres Landfriedens? Doch weit gefehlt: Die Piste verschwand. An ihrem Platz erhebt sich nun, perfekt eingezäunt und mit zwei nagelneuen Toren – ein Fußballfeld in Originalgröße. Man darf halt die Hoffnung nicht aufgeben, irgendwann, wenn man es schon nicht mehr glaubt, siegt unweigerlich die Zivilisation. Der Boden ist zwar  Asche. Aber wird schon.

 

 

 

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