Casta Diva

Einmal im Jahr gibt der Weltstar Cecilia Bartoli ein Konzert in ihrer Heimatstadt Rom. Am vergangenen Freitag war es wieder soweit. La Bartoli sang zum 261. Geburtstag von Wolfgang Amadeus Mozart, dazu spielte das Orchester Santa Cecilia einige sinfonische Stücke unter der Leitung von Antonio Pappano. Das wunderbare Konzert für Flöte und Harfe gab’s auch noch dazu. Ein herausragendes Ereignis, fantastisch, mitreißend, begeisternd. Der Saal war hingerissen. „Bentornata a Roma, Cecilia“, riefen die Leute zu Beginn, willkommen zurück in Rom! Das römische Publikum kann sehr warmherzig sein, ja seine künstlerischen Idole nachgerade umarmen. Rührend, wie zum Schluss würdige, ältere Herren mit riesigen Blumensträußen in Richtung Bühne marschierten, um sie der Diva zu überreichen. Nach zweieinhalb Stunden leerte sich das Auditorium und alle hatten das Gefühl, einen großen Abend erlebt zu haben. Arrivederci bis zum nächsten Jahr.

Heute servierte der „Corriere della Sera“ die Abrechnung. Zu einer vernünftigen Konzertkritik ist die italienische Presse schon lange nicht mehr in der Lage, dazu fehlt ihr schlicht das Personal. Also verstieg sich ein Kollege auf Seite eins des römischen Lokalteils unter der Überschrift „Teure Cecilia“ dazu, der Bartoli vorzurechnen, dass sie für viel zu viel Geld viel zu wenig gesungen habe: „Im Saal sprach man nur über die teuren Tickets, im Parkett zwischen 150 und 200 Euro, auf den Galerien zwischen 35 und 120 Euro.“ Bartoli habe exakt 37 Minuten lang gesungen, das mache bei einem Durchschnittspreis von 100 Euro bei 2700 Plätzen einen Minutengage von 7.297 Euro.

Unsereins saß in Reihe fünf, neben mir zwei russische Damen, hinter mir ein amerikanisches Priester-Pärchen und bei allem, was ich sonst noch verstanden habe, hat sich niemand über die Eintrittspreise beklagt. 150 Euro sind viel, aber angemessen für ein Konzert in derartiger Top-Besetzung.

Sir Antonio Pappano, der bei der merkwürdigen Minutenrechnung des „Corriere“ einfach ignoriert wurde, ist durchaus kein Anfänger, sondern in der Branche sehr bekannt und übrigens ein bemerkenswert schwungvoller, frischer Mozart-Dirigent. Etwas weniger akkurat als Harnoncourt, weniger ergeben als Abbado, dafür wagemutig-modern. Überhaupt war an dem Bartoli-Konzert natürlich nicht nur die Bartoli beteiligt, nur auf dem Podium standen mit Chor und Orchester  rund 80 Leute. 150 Euro für ein herausragendes Kulturerlebnis – genauso viel könnte man pro Person auch in einem römischen Restaurant verfuttern (für drei Sterne reicht es natürlich nicht) oder für ein Champions-League-Match im Olympiastadion ausgeben.

Das kleinliche Herumgerechne sagt viel aus über die Stimmung in der Stadt. Nieder mit dem Ausnahme Talent, nieder mit der Hochkultur, wozu brauchen wie eine Bartoli und ihren Mozart, viel zu teuer. Zumal es alles ja auch im Netz gibt. Hier eine Aufnahme aus dem Wiener Musikverein. Bartoli, Mozart und der mittlerweile verstorbene Harnoncourt umsonst und draußen.

Live klingt’s natürlich anders. Viva Cecilia! Komm uns bitte weiter besuchen.

 

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