Oh, Alice

In ziemlich exakt 32 Jahren Journalismus ist mir nur einmal ein Stück aus politischen Gründen umgeschrieben worden. Das war bei Emma, es ging um die Frauen der Mafia und im Text stand für den Geschmack der Redaktion zu selten das Wort Patriarchat.

Für Emma habe ich nie wieder eine Zeile geschrieben, obwohl ich natürlich immer noch einiges von Alice Schwarzer hielt, die für die Frauen meiner Generation und für die meiner Mutter (ein Jahr älter als die Speerspitze des deutschen Feminismus) vieles bewegt hat. Meine Hochachtung schwand, als Frau Schwarzer für die Bild-Zeitung schrieb. Es gibt Grenzen, die sollte man schlicht nicht übertreten. Bild liegt jenseits.

Heute schreiben SZ und ZEIT online über einen Vortrag von Alice Schwarzer in der Kölner Universität. Da meldet sich aus den Zuschauerreihen Jörg Kachelmann zu Wort, ein Mann, der mir nicht sympathisch ist, der aber unter anderem wegen Alice Schwarzer trotz eines Freispruchs vor Gericht um die Wiederherstellung seines guten Rufs kämpfen muss. Kachelmann erinnert auf höfliche Weise daran. Zum Schluss sagt er, nicht mehr ganz so höflich, es befinde sich im Raum nur eine Vorbestrafte, eine Anspielung auf die Steuerbetrügerin Schwarzer.

Die first feminist zeigt keine Reaktion, als ein sarkastisches: „So tief sitzt das? So ein leidenschaftliches Ding ist das?“ Sie sei fast gerührt. Was für eine Hybris.

Ich denke an Luciana Castellina, die schöne, kluge, stolze italienische Feministin, die ihr Leben lang für die linke Zeitung Il Manifesto geschrieben hat. Leidenschaftlich zu einem Hungerlohn für ein besseres, freies Italien.

luciana

87 Jahre alt, Intellektuelle, überzeugte Antifaschistin, eine in jeder Hinsicht strahlende Person. Nie hat man sie in einer Fernsehshow gesehen, stattdessen aber bis vor kurzem auf der Straße, bei Bürgerrechts-Demonstrationen.

Vorbildlich.

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