Die Macht der Alten

Vor ein paar Tagen war ich zu einer Buchvorstellung in ein römisches Verlagshaus eingeladen, eine schöne alte Villa im noblen Stadtteil Parioli. Der Generaldirektor der Banca d’Italia, ein überaus kultivierter und feingeistiger Süditaliener, hatte gemeinsam mit einer Professorin für Wirtschaftswissenschaften das Buch mit dem Titel: „Was kann Italien tun?“ verfasst, Unterzeile: „Unsere Wirtschaft nach der großen Krise.“ Vorgestellt wurde es von Wirtschaftsminister Pier Carlo Padoan. Im Publikum  ehemalige Ministerpräsidenten, gewesene Industrieverbandsbosse, amtierende Verfassungsrichter, kurzum ein gutes Dutzend Granden aus Wirtschaft und Politik, sowie  einige handverlesene Schreiberlinge, die immerhin den Frauenanteil auf fünf Prozent hoben.

Bei solchen Veranstaltungen lernt man immer sehr viel, weil die Vortragenden sagenhaft beschlagen sind. Sie haben die klassische Bildung drauf, könnten vermutlich Platon im Original herunterbeten und machen gepflegte Witze über den älteren Cato. Das italienische Establishment ist vermutlich das kultivierteste in ganz Europa, die Bundesbanker wirken gegen diese weißhaarigen Herren, die lässig Krawatten mit hellblauen Blümchen oder dicken Blockstreifen tragen, wie Buchhalter im dritten Lehrjahr. Ganz zu schweigen von einem Finanzminister, der sich bescheiden so vorstellt: „Ich bin ein Studiosus der Ökonomie, der zufällig gerade Politik macht.“

Die Atmosphäre ist gediegen, ja familiär. Man kennt sich, man duzt sich. Vielleicht gibt es genau deswegen keine neuen Erkenntnisse – und hier kommen wir zum Problem. Wie oft habe ich in den letzten 30 Jahren gehört,. dass Italien strukturelle Probleme hat? Dass das Justiz- und das Universitätssystem dringend zu reformieren seien? Dass der Effekt von Reformen leider erst langfristig eintrete? Und dass, last but not least, die stockkonservative, in viele Einzelinteressen zersplitterte italienische Ständegesellschaft alle Reformen verhindere? Neu war diesmal nur die ziemlich erschütternde Einsicht, dass gerade mal ein Fünftel der italienischen Unternehmen als innovativ bezeichnet werden könne. Dass Italien eigentlich nur in der Nahrungsmittelindustrie mithalten könne. Dass der italienische Familienkapitalismus auch deshalb am Ende sei, weil die alten Patriarchen nicht offen seien für Neues.

Unterbreitet wurde das alles von der Co-Autorin des Notenbank-Generaldirektors. Sie durfte als Letzte reden. Leider hörten ihr die Herren im Publikum kaum zu. Sie unterhielten sich ungeniert untereinander oder bearbeiteten ihre Smartphones.

Vielleicht ist ja gerade das das Problem: Die so genannten starken Mächte in Italien bestehen aus lauter feinen alten Herren, die anderswo schon längst ihre Pension genießen würden, hier aber immer noch an den Hebeln der Macht sitzen. Lauter extrem kultivierte und höfliche Männer mit weißen Haaren, die dafür sorgen, dass kein Jüngerer einmal so richtig durchlüftet. Sogar die Populisten sind in Italien uralt, siehe der wirre Beppe Grillo und der straff geliftete Silvio Berlusconi. Und natürlich männlich. Das italienische Parlament hat den geringsten Frauenanteil in ganz Europa. Wohin man auch schaut, schwingen old boys  das Zepter. Natürlich, weil sie so gebildet und lebenserfahren sind. Die Jungen müssen draußen bleiben. 40 Prozent Jugendarbeitslosigkeit, Massenemigration der Akademiker.

In der Demokratischen Partei haben die Alten gerade eine Palastrevolution mit anschließender Spaltung aufgeführt, weil sie sich durch die forsche Art des allzu jungen Parteichefs Matteo Renzi so düpiert fühlten. Gerade mal 40 und will uns zeigen, wo es lang geht. Ein Kind! Lauter ältere Herren, die ihre Felle längst ins Trockene gebracht haben.

Was kann Italien tun? Wie geht es weiter nach der großen Krise? Indem man sich bitte dringend verjüngt.

 

 

 

 

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