Slow Foot

Natürlich kann man gegen die Bayern verlieren, an einem schlechten Tag auch mal 1:4. Und doch bestätigt mich die BVB-Klatsche von heute in dem Verdacht, dass das Problem für die Borussen tiefer sitzt. Zugegeben, das Theater, das in Deutschland seit ein paar Jahren um die „Philosophie“ von Fußballtrainern gemacht wird, die nachweislich gar nicht Philosophie studiert haben, geht mir mächtig auf die Nerven. Und Dortmunds Tuchel ist leider der Bannerträger dieser so genannten Philosophen, die den Fußball auf Deubel komm raus vergeistigen, vergrübeln, ja verwissenschaftlichen wollen. Unter dem Beifall von Journalisten, die ebenfalls nach Höherem streben. Und die deshalb die Verbürgerlichung und Wichtigpreisung des Fußballs mit deutscher Gründlichkeit genauso ingrimmig betreiben wie andere Kollegen die Feuilletonisierung der Ernährung.

Zu letzterem hier der absolut schönste Zeitungs-Satz dieses Wochenendes, verfasst von dem göttlichen Wiglaf Droste: „In jedem süditalienischen Hafenarbeiter mit acht Jahren Schulbildung steckt mehr kulinarische Kenntnis als in der ganzen deutschen Slow-Food-Bagage zusammen“, schreibt Droste in seinem SZ-Essay  „Des Lebens Saftigkeit.“ Und weiter geht’s: „In Deutschland wurde die Slow-Food-Angelegenheit landesüblich akademisiert, den einfachen Leuten entrissen, in den Mittelstand der meist grün wählenden Besseresser überführt und von der verzichtbarsten Klientel überhaupt okkupiert, die von Dinkel und Dünkel notdürftig zusammengehalten wird und der alles Lebenssaftige völlig abgeht. In sogenannten Convivien wird „richtig Essen und bewusst Genießen“ gelehrt und erlernt; es wäre zum Speien, wenn es nicht so todkomisch wäre.“

Soweit Wiglaf Droste. Und nun dämmert es sicher schon? Genau: Natürlich steckt in jedem umbrischen Maurer mit acht Jahren Schulbildung auch mehr Fußballverstand als in der ganzen deutschen Slow-Foot-Bagage zusammen. Wie auch nicht, Fußballspielen ist unter Umständen ja noch einfacher als Kochen!

Und so kommt es, dass ich, wiewohl niemals Bayern-Fan und im Gegenteil altes Südtribünen-Mädchen in ferner Dortmunder Studien-Zeiten, mich heute klammheimlich darüber gefreut habe, dass der Tortellini-Freund Ancelotti dem von Dinkel und Dünkel zusammen gehaltenen Veganer Tuchel in aller Lebenssaftigkeit, gezeigt hat, wo im Fußball die Glocken hängen. Nämlich schlicht über dem gegnerischen Tor.

 

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3 Gedanken zu “Slow Foot

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