Prager Frühling

Ein halbes Jahrhundert hat Zdenek Zeman auf der Trainerbank verbracht, dabei, vorsichtig geschätzt, rund eine halbe Million Zigaretten geraucht, 27 Mal die Station gewechselt und außer zwei Zweitligameisterschaften nie etwas gewonnen. Heute wird er 70 und ist soeben mal wieder abgestiegen, diesmal mit Delphin Pescara.  Sein Haar ist schütter geworden, tiefe Furchen haben sich in sein Gesicht gegraben, Lachfalten sind nicht dabei, denn lachen sah man Zeman nie. Was man von ihm hörte, war stets genuschelt oder gebrummt oder gezischt, in seinem komischen, kehligen Prager Italienisch, wo Substantiven grundsätzlich keine Artikel anhaften.

Zemans Substantive reisen allein, wie ihn selbst stets eine Aura von Einsamkeit und Mysterium umweht. Im Ausland kennt man den Tschechen Zeman nicht, berühmt ist dort Arrigo Sacchi als Erfinder eines neuen italienischen Systemfußballs. In Italien, wo das System stets bezweifelt wird und der Individualismus als alleinseligmachend gefeiert, wird il boemo, der Böhme Zeman verehrt wie ein Säulenheiliger des reinen Fußballs. Wobei man sich fragt, wie seine Eleven es schaffen, seine Nuschelbotschaften zu verstehen. Aber vielleicht spricht Zeman gar nicht mit seiner Mannschaft. Vielleicht lässt er einfach nur sein Gesicht sprechen. Seine Aura eines tschechischen Bergeremiten.

zeman

Er ist Guru, Philosoph, mehr noch: Prophet des schönen Spiels, in dem die Offensive den Künstlern gehört und die Defensive den Kleinbürgern. Zemans Fußball verkörpert den Lehrsatz des Dichters Pier Paolo Pasolini, nach dem der beste Poet des Jahres immer derjenige ist, der die meisten Tore schießt. So hat der Böhme es stets gehalten, mitten im Reich des Catenaccio schuf er Zemanlandia mit seiner Schule der Leichtigkeit des Seins. Anders als Sacchi, der seinem Herrn Silvio Berlusconi treu ergeben war, diente Zeman niemandem, nur seinen eigenen Ideen. Das brachte ihm keine Karriere ein und keine Trophäen, aber einen Ruf als letzten Künstler des Calcio. „Er ist wie Picasso, der seine Blaue und Rosa Periode hinter sich gelassen hat“, besingt ihn die Gazzetta dello Sport, „und uns mit seinen abstrakten Linien Raum für unsere eigene Phantasie öffnet.“

Solche Oden werden Zeman immer mal wieder gedichtet, der römische Barde Antonello Venditti gelangte dereinst mit seinem Song „La coscienza di Zeman“ (Zemans Gewissen) sogar in die Charts. Eigentlich werden für Zeman jene Phasen, in denen er sich vollends dem Blauen Dunst und der Gartenarbeit widmet, immer länger, seit seinem letzten Einsatz in Lugano hat er acht Monate pausiert. Doch nun war er mit Delphin Pescara in einen neuen Künstlerfrühling gestartet, und Zeman wäre nicht Zeman, hätte er nicht dieses Motto ausgegeben: „Ob wir uns retten können, weiß ich nicht. Aber wir werden uns ganz sicher amüsieren.“

An einem Sonntag im März, nach nur drei Zeman-Tagen, fing der Spaß für die Delphine von der Adria an. Pescara besiegte mit einem satten 5:0 gegen CFC Genua, ein Eigentor des Gegners war, wie um das Kunstwerk zu vervollkommnen, auch dabei. Nie hat Pescara in dieser Saison ein Spiel gewonnen, nie einen höheren Sieg in der Ersten Liga errungen, „dabei habe ich ihnen nur zwei, drei Dinge gesagt“, nuschelte Zeman. Das übliche vermutlich. 4-3-3, hinten vier Komparsen, vorne spielt die Musik. Der letzte Platz ist damit vorerst gesichert, „um in der Serie A zu bleiben, müssen wir von nun an spielen wie Juventus“, zischte Zeman, aber das passierte natürlich nicht. Nur Juventus spielte wie Juventus, Pescara aber blieb Pescara und das 5:0 ein einsamer Beweis dafür, dass eine Schwalbe noch lange keinen Sommer macht.

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