Legende

totti10

C’è solo un capitano.

Als der Moment gekommen ist, vor dem alle Angst haben, am meisten er selbst, da öffnen sich die Schleusen. Es weinen die alten Männer mit den grauen Bärten, es weinen die jungen, ein letztes Mal für ihn schön geschminkten Frauen, es schnieft die VIP-Tribüne, es flennt die Mannschaft auf dem Rasen, der neuen Torschützenkönig Edin Dzeko und der Verteidiger Antonio Rüdiger. Auf der Tribuna Tevere sackt ein Typ in sich zusammen, dem man lieber nicht allein im Dunkeln begegnen möchte, Stoppelhaare, Bullennacken, tätowierte Muskelberge und nun schluchzend wie ein Kind. Ein ganzes Stadion mit 60.000 Menschen weint bei der ergreifendsten Verabschiedung der Fußballgeschichte und am hemmungslosesten heult er selbst: Francesco Totti, das Gesicht vergraben in den weichen Haaren seiner drei Kinder, zu denen er geflüchtet ist, als der Schlusspfiff ertönte nach seinem letzten Spiel. 3:2 gegen CFC Genua, den 2. Platz und damit die direkte Champions-League-Qualifikation gerade noch um Haaresbreite ergattert, weil die Roma viel zu aufgeregt war, um an diesem Sonntag auch noch ernsthaft Fußball zu spielen.

Das Ergebnis interessiert schon niemanden mehr. Es geht hier nicht um die Zukunft, es geht um das Ende einer Ära, um ein Vierteljahrhundert mit einem Mann, der immer mehr war als ein Fußballer, nämlich Roms Kapitän, das Gesicht einer Stadt und am Schluss wie ein naher Verwandter seiner Mitbürger. Die städtischen Autobusse fahren heute mit der Richtungsanzeige „Linie 10, Grazie Capitano.“ Francesco, sagt sein Freund, Kollege und Nachfolger Daniele De Rossi, habe eine Stadt geeint, „die sonst über alles streitet.“ Vermutlich vergießen gerade auch die Lazio-Fans eine kleine Träne, und sei es nur darüber, dass sie so einen wie Totti nie gehabt haben. Die Stimmung schwankt zwischen Verzweiflung und Dankbarkeit, abzulesen auf sorgfältig gemalten Spruchbändern wie diesem hier: „Ich hatte gehofft, früher zu sterben.“

In seiner Zeit bei AS Roma hat Totti drei Päpste und 13 Regierungen überdauert, von römischen Bürgermeistern zu schweigen. Hat die Leute amüsiert und aufgeregt, mitgerissen und verzaubert. Und dann diese Treue. Welche Ehe hält denn heute noch 25 Jahre? Man hatte gemutmaßt, der fast 41-Jährige würde nun woanders weiterspielen, noch ein wenig Geld scheffeln in den USA wie Andrea Pirlo oder am Persischen Golf wie früher Fabio Cannavaro. Dabei ist es doch klar, dass jedes andere Trikot bei ihm Allergien auslöst. „Roma, Roma, Roma“ ertönt nun, die Hymne. Mit gesenktem Kopf hört Totti zu. Dann schießt er einen Ball in die Tribüne, das letzte Geschenk an die Fans. Fasst sich. Und verliest eine kleine Rede.

Das ist die wirkliche Sensation an diesem Abend: Totti teilt seine Ratlosigkeit, die Verwirrung und Zukunftsangst und beweist damit noch einmal Grandezza. „Ich bin noch nicht bereit, basta zu sagen. Vielleicht wäre ich das nie“, sagt er. „Das Licht auszumachen, ist nicht einfach.“ Aber er könne den Lauf der Zeit nicht anhalten. „Erlaubt mir, ein wenig Angst zu haben. Und das ist nicht die Angst vor dem Elfmeter. Diesmal kann ich nicht durch das Tornetz sehen, wie es weiter geht.“ Er sei nun gezwungen, erwachsen zu werden, erklärt Totti, der Vater und Überrömer. „Ich werde nie mehr den Duft des Rasens einatmen und die Sonne im Gesicht spüren, wenn ich zum gegnerischen Tor renne.“ Schön war’s, und nun soll es vorbei sein. Für alle.

Totti und seine Roma haben nicht viel zusammen gewonnen. Aber sie haben ein Vierteljahrhundert lang in vollkommener Symbiose mit der Stadt immer wieder bewiesen und bekräftigt, was Fußball sein kann: Leichtigkeit, Wildheit, Ästhetik, große Gefühle und großer Spaß. „Der Tottismus“, hat ein kluger Mann in der sehr römischen Tageszeitung „Il Messaggero“ mal geschrieben, „ist die einzige Religion, die niemandem weh tut.“ Am Ende übergibt der Kapitän seine Binde einem kleinen, blonden Jungen aus der Jugendmannschaft, in der auch sein eigener Sohn Cristian spielt. Zwei Tage vor dem Abschied seines Vaters hatte Cristian Totti für sein Team einen Elfmeter geschossen, der den Turniersieg bedeutete.

Die Totti-Saga geht weiter.

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