Gigi Grandezza

Man kann für Real Madrid sein oder für Juventus. Oder für keinen von beiden, vielleicht, weil man Bayern-Fan ist, oder weil man gerade mit einer Borussia hadert. Oder, ganz anderer Fall, weil einen die Champions League und der ganze superkapitalistische Turbo-Kommerz im Fußball schon lange nicht mehr interessieren.

Das alles ist möglich und noch viel mehr. Aber am Samstagabend ist Gigi dabei. Und wie kann man diesem großen, 39-Jährigen Jungen bitteschön nicht die Daumen drücken? Eben.

Stell dir vor, es ist Finale und im Tor steht Buffon. Der schrägste und schillerndste Schlussmann der Welt, nebenbei und überhaupt auch noch lange Zeit der beste. Ein Typ, wie es sie im Fußball immer seltener gibt und eigentlich auch schon immer selten gegeben hat. Sein drittes Champions-League-Finale steht an in Cardiff, einen Ort, den man auf der Landkarte, auf internationalen Flugplänen und auf der Liste der Geburtsorte von Nobelpreisträgern eine ganze Weile suchen muss. In Cardiff also will, nein muss Gigi jetzt endlich mal gewinnen. Schon klar, bei den anderen kickt ein gewisser Cristiano Ronaldo. Der hat schon drei Mal den Ohrenpokal geholt und will Gigi nun in seiner üblichen Bescheidenheit zwei rein ballern. Könnte klappen. Die Frage ist: Wer, außer CR7 und den Madrilenen will das?

Juventus vs Sampdoria

Von CR7 steht auf seiner Heimatinsel Madeira ein Bronzedenkmal. Gianluigi Buffon gibt es nicht als Statue, dabei stammt er aus Carrara, der Stadt des weißen Marmors, aus dem schon ein gewisser Michelangelo seinen David klopfte. Beide Eltern waren Leichtathleten, die Mutter Maria Stella sogar dreifache Italienmeisterin im Kugelstoßen, die älteren Schwestern spielten Volleyball: Eine äußerst sportliche Familie. Gigi entschied sich für den Fußball und wurde ein glühender Fan des Heimatklubs Carrarese Calcio – für den er nie gespielt hat, zu dessen Heimspielen er aber auch als junger Profi bei Parma und Juventus noch fuhr, wann immer es möglich war. Mit dem Zug, meistens ohne Fahrkarte: „So oft, dass es in meiner Spielerstatistik auftauchen könnte“, heißt es in seiner Autobiografie Numero1. „Gianluigi Buffon: soundsoviele Elfmeter pariert, soundsoviele Tore kassiert, soundsoviele Schwarzfahrten absolviert.“

In Turin ließ man ihm nicht nur durchgehen, dass auf seinen Torwarthandschuhen der Schriftzug C.U.I.T prangte, die Abkürzung für Comando Ultrà Indian Trips, die organisierten Fans aus Carrara. Juve duldete es auch, dass der Kapitän später seinen Herzensklub kaufte. Von 2010 bis 2016 war Buffon als Patron der Carrarese Klubbesitzer in der Dritten Liga. Es endete damit, dass er auf dem Klubgelände Marmorblöcke versteigern ließ, den Verein aber trotzdem nicht halten konnte, genauso wenig wie das Textilunternehmen Zucchi. Der norditalienische Traditionsbetrieb konnte nach fünf Jahren Buffon gerade noch vor der Pleite gerettet werden. Gigi Nazionale verlor eine Menge Geld, sorgte aber dafür, dass keiner der 1200 Mitarbeiter entlassen wurde. Sein Traum, ein anständiger Unternehmer zu werden, war geplatzt. Von seinem kleinen Imperium blieb ein Strandbad an der heimatlichen Riviera.

Und es blieb der Anstand. Das Wichtigste also, ist die lange Karriere des Gianluigi Buffon doch vor allem ein großer Bildungsroman, und der Protagonist Gigi ein italienischer Wilhelm Meister. Eine ganze Nation nimmt Anteil an der Wandlung eines jugendlichen Hitz- und Wirrkopfes zum lebensklugen Capitano, dessen Weg durch das Inferno von Wettsucht, Depression und Zwangsabstieg in die Zweite Liga führt, aber auch über die olympischen Höhen eines Weltmeistertitels, eines Uefa-Cups und acht gewonnener Italienmeisterschaften. Und doch ist es nicht der Erfolg, der Buffon – Rekordhalter mit 974 torlosen Minuten in über 1000 Profispielen – zum beliebtesten Fußballer Italiens macht. Eher ist es das stets öffentlich zelebrierte Ringen darum, ein anständiger Mensch zu sein, im Reinen mit sich und der Welt aber ohne den Hauch von Konformismus. Nur das Mutterland des Individualismus konnte wohl ein solches Prachtexemplar hervorbringen wie Buffon. Einen, der derart aus der Rolle fällt und doch als leuchtendes Vorbild zwei Generationen von Fußballern überstrahlt.

Unvergessen in der Karriere der großen Skandalnudel Gigi, bleiben ein gekauftes Abitur und der Patzer mit der Trikotnummer 88 beim AC Parma. Für den Macho-Welpen Buffon symbolisierte sie seinerzeit „vier Eier“, für andere aber „Heil Hitler“. Wobei man zugegeben schon sehr um die Ecke denken muss, um darauf zu kommen, dass die 8 für den achten Buchstaben des Alphabets steht, also H und zwei Achten für HH. „Das wissen doch nur Nazis“, reagierte entgeistert Buffon, als der Skandal schon kochte. Und natürlich hatte er vollkommen Recht. Die Suppe auslöffeln musste er trotzdem, geschadet hat es ihm nicht.

Bis heute hat sich Buffon eine entwaffnende Jungenhaftigkeit bewahrt. Natürlich ist er auch im Umgang mit den Medien ein Profi geworden, hat den Dialekt der toskanischen Küste abgestreift, weiß seine Worte zu wägen. Und doch gibt es da immer noch diese Spontaneität. Er ist ehrgeizig, aber nie verkniffen, selbstbewusst, aber nicht eitel. Neulich ließ er sich einen Tom-Selleck-Schnäuzer stehen, das sah so unmöglich aus, dass ganz Italien darüber lachte. Wie man ja überhaupt wunderbar über Gigi lachen kann. Seine Lebensgefährtin Ilaria D’Amico ist die bekannteste Sportjournalistin des Landes, ein paar Jahre älter als Buffon und, nunja, auch noch ein wenig eloquenter. Das Paar hat einen gemeinsamen Sohn – zwei hat Buffon aus seiner ersten Ehe – und schützt seine Privatsphäre konsequent aber mit viel Selbstironie. Kürzlich war D’Amico Gast in einer Talkshow, als Gigi sich gerade im Trainingslager der Squadra Azzurra befand. In die Sendung wurde Nationaltrainer Gian Piero Ventura zugeschaltet und D’Amico durfte ihm eine Frage stellen. „Hat Gigi auch alles aufgegessen?“ erkundigte sie sich. Und dann, listig: „Hat er auch sein Bäuerchen gemacht?“ Hat man je eine Spielerfrau erlebt, die von Fußball mindestens so viel versteht wie ihr Mann – und die ein nationales Symbol öffentlich derart auf den Arm nimmt? Das ist Grandezza.

Stell dir vor, es ist Champions League und im Endspiel steht Gigi Buffon. Der Lulatsch im Juve-Tor, der alle seine Gegner tätschelt. Und dann stell dir vor, der gewinnt den Pokal gegen Cristiano Ronaldo, Sergio Ramos, Marcelo, Toni Kroos und Benzema.

Dafür machen wir doch nachher alle brav unser Bäuerchen.

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