Auf Tuchfühlung

Früher sah man in italienischen Fankurven oft das Spruchband: „Nein zum modernen Fußball.“ Inzwischen ist es fast verschwunden, was auch daran liegen mag, dass es so absolut hoffnungslos klänge. Das Mailänder Derby wird ja anno 2017 um halb eins Mittags angepfiffen, auch wenn um die Zeit keiner Fußball gucken mag. Aber in China ist prime time und weil Inter und Milan chinesische Eigentümer haben, gehen die Uhren jetzt halt anders. Die Roma gehört Amerikanern, hinter Schalke steht Gazprom, von Paris St. Germain, Manchester City und anderen englischen Großklubs wollen wir hier gar nicht reden. Der Fußball ist derart globalisiert, dass man kaum noch durchsteigt, wer eigentlich gerade bei wem auf der Gehaltsliste steht und wie die Beteiligungen sind. Die Patrons sind gesichtslose Gesellen, die überwiegend sehr mysteriöse Unternehmen führen – bis auf Roman Abramowitsch vielleicht, der ja schon fast zum old money gehört, womit auch schon wieder vieles gesagt wäre.

Wie wohltuend ist es da, nach Villar Perosa zu gondeln, jenes 4000-Einwohner-Nest im Piemont, das alljährlich im August die Mannschaft von Juventus auf dem Dorfplatz beherbergt. Weil die Familie Agnelli, der der Klub gehört, aus Villar Perosa stammt, treten traditionell Buffon, Chiellini, Khedira und Co. gegen die Jugendmannschaft an. Das wäre ja noch einigermaßen normal. Nicht mehr so verbreitet ist im Weltfußball, dass die rund 5000 Fans im Ministadion die Juve-Stars anfassen und sogar ausziehen dürfen. Schon klar, die Unterwäsche muss dran bleiben. Aber wo sonst sieht man Andrea Barzagli, den Brad Pitt des Calcio, in klassisch weißem Feinripp stoisch Autogramme geben?

barzagli

Den Staub im Hintergrund haben übrigens die Tifosi bei der nun schon traditionellen Platzinvasion in der 2. Halbzeit aufgewirbelt. Diesmal dauerte das Match bis zur 52. Minute, dann war das Publikum das torlose Rumgegurke seiner Helden Leid und stürmte zum Striptease auf den Rasen.

Vorher sah man Giorgio Chiellini ungefähr 60 mal in Handykameras lächeln:

chiellini2

Und Sami Khedira etwas eingeschüchtert am Spielfeldrand entlang traben. Khedira schien, anders als der kernige Schweizer Lichtsteiner, nicht so richtig Spaß an dieser Veranstaltung zu haben.

sami

Nun, so etwas kennt man in Spanien, England oder in Deutschland auch nicht. Unvergessen, wie Thomas Müller sich über das WM-Qualifikationsspiel gegen San Marino beklagte, in der irrigen Annahme, er habe besseres zu tun, als gegen eine Amateurmannschaft zu kicken. Und dann das hier. Auf Tuchfühlung mit den Fans! So ganz ohne Sicherheitsabstand! Als ob man eine ausgewachsene, mit vielen Trophäen beladene Profimannschaft zum Dorffest schicken könnte!

invasionKann man sehr wohl, wenn einem der Laden gehört. Auch dem Präsidenten Agnelli durften die Fans auf die Schulter klopfen. So ist das, wenn ein Fußballklub ein Familienbetrieb ist und die Tifosi wie Verwandte behandelt werden, wenigstens einmal im Jahr.

Mehr über das lustigste Fußballfest der Welt in der SZ.  Wenn es Villar Perosa nicht gäbe – man müsste es erfinden.

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