Fragen der ZEIT

An diesem verregneten Sonntag bin ich über einen Absatz im ZEIT-Politikteil gestolpert, in einem Artikel über das Verhältnis zwischen Grünen und FDP auf Seite 2. Da steht:

„Wer sich fragt, woher die gelb-grünen Aversionen historisch kommen, wird sich mit dem Verhältnis zwischen dem grünen Außenminister Joschka Fischer und dem Oppositionsführer Westerwelle befassen müssen. Obwohl Fischer, Sohn einer Putzfrau, der eigentliche Aufsteiger war, gab er Westerwelle, dem Sohn eines Anwalts, das Gefühl, ein Emporkömmling zu sein, dem es an der notwendigen Ernsthaftigkeit fehle.“

Seither grübele ich über folgende Fragen:

Was muss man eigentlich leisten, um von der ZEIT nicht nach dem Beruf der Eltern beurteilt zu werden? Außenminister der Bundesrepublik Deutschland zu sein, reicht da ja offenbar nicht aus.

Wieso vergleicht Frau Lau Fischers Mutter mit Westerwelles Vater? Zumal ja auch die Mama des FDP-Manns Rechtsanwältin gewesen ist. Also entweder Sohn einer Putzfrau gegen Sohn einer Rechtsanwältin oder Sohn eines Metzgers gegen Sohn eines Rechtsanwalts.

Wobei das eigentliche Problem ja zu sein scheint, dass der Putzfrauensohn Fischer es gewagt hat, den Rechtsanwältinnen-Spross Westerwelle von oben herab zu behandeln. Als man dadurch etwas Besseres würde, dass man Außenminister ist! Nein, auf die Herkunft kommt es an. Die Arroganz des Putzfrauensohns, wird hier suggeriert, sei jedenfalls nicht angebracht.

In einem 2011 veröffentlichten Porträt derselben Autorin über die Grünen-Politikerin Renate Künast hieß es:

„Ein alter Kampfgefährte Künasts erklärt sich das Schroffe, Unnahbar-Misstrauische der Kandidatin als ein »Aufsteigerproblem«. »Wer in bürgerlichen Elternhäusern groß wird, weiß mit zwei Jahren ganz sicher, dass mal was aus ihm werden wird«, sagt der Parteifreund. »Renate wusste das nicht. Sie guckt sich immer über die Schulter: Wer will mir das Erreichte wieder wegnehmen? Aufsteiger können nie aufhören zu kämpfen.«

Bei Künasts zu Hause, erzählen Vertraute, gab es schon mal eine mit dem nassen Waschlappen, wenn man nicht so spurte. In ein Schullandheim bekam sie einmal ein Päckchen von ihren Eltern geschickt. Sie öffnete es mit Vorfreude – und fand einen vergessenen Pullover darin. Dazu ein Brief: »Du dummes Gör, hast wieder was liegen gelassen!“

Ist das so? Waren und sind der nasse Waschlappen, die krude Verachtung der eigenen Kinder tatsächlich ein Unterschichtsproblem? Und sind wirklich nur Aufsteiger unnahbar, misstrauisch oder schroff?

Nach fast 30 Jahren in Italien vergesse ich manchmal, wie stark und starr die Klassengesellschaft in Deutschland ist. Nicht, dass es hier anders wäre. Aber über eine Politikerin zu schreiben, sie habe als Kind einen nassen Lappen ins Gesicht bekommen oder die kleinbürgerliche Herkunft eines Ministers zu betonen – das wäre in einer seriösen Zeitung undenkbar.

 

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