Eine Radler-Tragödie

Es gibt Geschichten, die so gruselig sind, dass selbst die abgebrühtesten Journalisten am liebsten einen Bogen um sie machen würden. Eine solche Geschichte ereignet sich in Lucca, einer der vielen hoffnungslos idyllischen Kleinstädte in der Toskana, berühmt wegen ihrer intakten Renaissance-Wallmauern, sowie für das Übliche, nämlich wundervolle Plätze, feines Essen und süffigen Wein. Die Polizei von Lucca hat jetzt eine Razzia durchgeführt, wie man sie aus Mafia-Filmen kennt, hat im Morgengrauen ein Haus umstellt und, um die darin schlafende Familie nicht zu wecken und damit zu warnen, Polizisten durch das offene Fenster eines Kinderzimmers einsteigen lassen. Dort schlief ein junges Mädchen, Tochter des früheren Radprofis Raimondas Rumsas. Ihr großer Bruder, der ebenfalls Raimondas heißt und auch Rennradler von Beruf ist, wurde wach, als die Polizei sein Nachtschränkchen durchwühlte.

Die Familie Rumsas ist in Trauer. Am 2. Mai starb ihr Zweitgeborener Linas, sein letztes Rennen für ein kleines Amateurteam war er zwei Tage zuvor gefahren. Linas Rumsas wurde 21 Jahre alt. Die Ursache seines Todes ist bis heute nicht festgestellt, doch die Staatsanwaltschaft in Lucca hat einen Verdacht: Doping. Deshalb wurden die Wohnungen von Verantwortlichen und Fahrern des Teams Altopack Eppela durchsucht. Und das Haus seiner Eltern. Verbotene Medikamente wurden beschlagnahmt, Ermittlungsverfahren gegen fünf Personen eröffnet. Auch Linas‘ Vater Raimondas ist betroffen. Die italienische Justiz will herausfinden, ob und wie er für den Tod seines Sohnes verantwortlich ist.

Es ist eine Tragödie. Vielmehr: ein Krimi, der in einen tief traurigen Epilog münden könnte. Im Mittelpunkt eine Familie, die sich dem Radsport verschrieben hat und alles für den Erfolg tut. Aber auch wirklich alles. Vater Raimondas, 45, stammt aus einem winzigen Nest in Litauen, seine Eltern waren Bauern, er selbst hatte seinen ersten Vertrag bei einem polnischen Wurstfabrikanten. Vor 15 Jahren errang Rumsas seinen größten Erfolg, den dritten Platz bei der Tour de France. Allerdings wurde am Tag nach der letzten Etappe seine Frau Edita festgenommen, die Mutter von Linas. Französische Grenzpolizisten hatten in ihrem Auto erhebliche Mengen von Anabolika und Aufputschmitteln gefunden. Edita Rumsas saß danach mehrere Monate in Untersuchungshaft. 2006 wurden sie und ihr Mann wegen unerlaubter Einfuhr von Doping-tauglichen Medikamenten zu vier Monaten auf Bewährung verurteilt. Vergeblich beteuerten sie, das Zeug sei für die kranke Oma bestimmt gewesen.

Raimondas Rumsas behielt seinen Podiumsplatz in den Annalen, man konnte ihm in Frankreich kein Doping nachweisen. Aber 2003 testeten ihn die Italiener beim Giro d’Italia auf Epo. Positiv. Rumsas wurde gesperrt, flog aus seinem Rennstall, verlor den Anschluss. In Lucca, wo er seit vielen Jahren mit der Familie wohnt, führte der Ex-Profi ein zurück gezogenes Leben, konzentriert auf die Radsport-Karriere seiner Kinder.

rumsaspadre

 

Dann starb Linas. Man muss davon ausgehen, dass die Polizei in Lucca schwer wiegende Gründe für ihren Verdacht hat. Dass die Razzia im Haus einer trauernden Familie nicht leichtfertig angeordnet wurde. Alles andere wäre skandalös.

Noch skandalöser allerdings wäre es, wenn Linas Rumsas sich wirklich zu Tode gedopt hätte. Nirgends, so raunt man in der Branche, werde so hemmungslos nachgeholfen wie in der Grauzone zwischen Amateuren und Profis. In der Provinz abseits der großen Rennen sind die Kontrollen ungeachtet der vorbildlichen italienischen Dopinggesetze unverändert lasch. Die Polizei hat besseres zu tun als jeden Dorfverein durchzufilzen. So wie die „Schwarzen Teufel“ von Altopack-Eppela.

Jetzt hat sie es getan. Es gab einen Toten. Und sein eigener Vater steht auf der Liste der Verdächtigen. Eine Geschichte, um die man am liebsten einen Bogen machen würde. Eine Geschichte, wie sie der Radsport schreibt.

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