Arrivederci Maestro

Pirlo hört auf! Keine Sensation natürlich, mit 38 Jahren und ziemlich kaputten Knien. Die spannende Frage jetzt: Was macht er? Fußballtrainer? Winzer? Schauspieler (mit genau einem Gesichtsausdruck, aber da wäre er ja nicht der einzige)?

Wir werden sehen. Hier einstweilen eine kleine Würdigung.

Ein Welt-Fußballer, verehrt von allen, die den Fußball lieben. Eine Ausnahme-Erscheinung, ein Hochbegabter des Spiels, imstande, das Gefühl zu vermitteln, Fußball sei eine Kunst und Pirlo selbst darin der große Abstrakte. Stets wirkte er zeitlos, mehr noch: aus der Zeit gefallen. Moden und Mätzchen überließ er anderen, er hatte Stil. Im vulgären, lauten Zirkus des Fußballs zelebrierte er das Understatement, die Stille; im allgemeinen Gerenne und Getrete nahm er Tempo aus dem Spiel, bis es in seinem gewünschten Takt tickte. Denn Pirlo war nicht besonders schnell, er konnte nicht dribbeln, akrobatische Einlagen waren erst recht nicht sein Ding und höchst selten gelang ihm mal ein Tor aus dem Spiel heraus. Der ruhende Ball, Freistöße und Ecken waren seine Spezialität, bloß nichts Unberechenbares und bitte keine Hektik und kein Gewusel. Wenn es so weit war, wenn der Ball ruhig lag und auf Pirlos Schuss wartete, hätte man in den lautesten Stadien der Welt eine Stecknadel fallen hören können.

Seine Freistoßtore waren Legion. Traf er, so blieb sein Gesicht genauso ausdruckslos wie zuvor beim Schuss. Ein immer etwas bleiches Gesicht, in das der Weltekel gemalt schien. Ein wild wuchernder Bart, der Gesamteindruck irgendwo zwischen Räuber Hotzenplotz und dem Christus von Mantegna. Die Miene konzentriert, ernsthaft, fast düster.Und wenn dann doch einmal ein knappes Lächeln darüber irrlichterte, so wirkte das fast schon verstörend. Einen Wimpernschlag lang schien er dann die Kontrolle zu verlieren, länger nicht. Es war schon verrückt: Ausgerechnet in der riesigen Emotions-Spektakelmaschine Fussball wurde ein Italiener als Guru verehrt, der auf dem Platz kaum Gefühle zeigte. Sondern ein Höchstmass an Selbstbeherrschung.

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Ein Mann der Präzisionsarbeit, dieser Sohn eines Millionen schweren Stahlunternehmers aus der Provinz Brescia, der von sich sagte: „Schon als Kind wusste ich, dass ich besser Fußball spielen konnte als die anderen.“ Ununterbrochen schien er vor sich hin zu rechnen, die Räume auszutarieren, Winkel zu messen. Dann ein zentimetergenauer Pass. Oder ein Freistoß mit Magnus-Effekt, wenn der Ball im hohen Bogen zum Tor gedreht wurde. Darin war Pirlo unerreicht, er pflegte unerhörte, ungeheure, unhaltbare Freistöße zu drechseln, manchmal von lyrischer Langsamkeit, manchmal über hundert Stundenkilometer schnell. „Ich schieße, wie es dem Moment entspricht“, sagte er selbst. „Da berechne ich halt die Position der Mauer, den Winkel und dann geht’s los.“ Tore mit dem Geodreieck.

Pirlo hat alles gewonnen, die Weltmeisterschaft, die Champions League, nationale Meisterschaften sowieso. Nur keine persönlichen Auszeichnungen, nie war er Fußballer des Jahres, nie wurde er auch nur Juventus-Kapitän. Er war ja mehr, der Fixstern, die Sonne, um die die Mannschaft kreiste, manchmal auch ein Paganini in einem Orchester von Presslufthammern. Sehr wenige können das, die Partitur einer Partie lesen, die Einsätze geben, und im entscheidenden Moment selbst auch noch ein Solo hinlegen. Von seiner Kunst wird noch nach Generationen gesprochen werden, ungeachtet der Resultate, denn nichts war Pirlo weniger als ein Symbol italienischen Effizienzfußballs. Niederlagen und Skandale pflegten an ihm abzuperlen, ganz so, als überstrahle sein Talent mühelos alle Niedrigkeiten. Sie nannten ihn „Architekt“ oder „stiller Anführer“, für viele war er einfach nur genial. Und für Gigi Buffon, seinen alten Weggefährten in der Squadra Azzurra, war Andrea Pirlo sogar ein Beweis für die Existenz Gottes. So hat es Buffon einmal flapsig gesagt, um dann ziemlich ernst hinzuzufügen: „Sein Können macht uns verlegen.“

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„Ein Spieler, um den die Welt uns beneidet“, brüstete sich die „Gazzetta dello Sport.“ Er war nicht schnell, er war nicht schön, er war nicht groß. Er hatte noch nicht mal gerade Beine, nie eine Frisur, nur Haare. Aber er schaffte es, etwas zu sein, was alle so gern wären: Rätselhaft. Geheimnisvoll. Cool. Pirlos unerreichte Coolness war in der Tat spezifisch italienisch, sie entsprang der Suche nach persönlicher Perfektion im Bewusstsein ihrer Vergeblichkeit. Auch als Meister seines Fachs zu wissen, dass die Möglichkeit des Scheiterns allgegenwärtig ist. Der Zufall kann entscheiden, die Tagesform, so ist das Leben. Italien ist ein Land, das den größten Kunstschatz der Welt unter Dauerbedrohung einer feindlichen, unberechenbaren Natur geschaffen hat. Vulkanausbrüche, Überschwemmungen, Erdbeben – alle Schönheit in der atemberaubend schönen Heimat des Andrea Pirlo ist fragil. Alle Berechnungen, alles Streben können müßig sein, zunichtegemacht in einem Wimpernschlag von einem Abwehrspieler, der nicht richtig steht, einem Schiedsrichter, der nicht richtig pfeift oder einem Gegenspieler, der beißt. Pirlo war also die perfekte Inkarnation jenes genio italico, der die Widrigkeiten durch seine Geistesblitze zu überwinden sucht.

Immer umwehte ihn eine gewisse Melancholie, die Brüchigkeit des Erfolgs. Genau das aber brachte ihm überall Verehrung ein. Denn Sieger können banal sein, Pirlo aber verhieß eine andere Dimension. Die Leute wollten Pirlo nicht unbedingt gewinnen oder verlieren sehen, sie wollten ihn einfach spielen sehen. Dabei sein, wenn er über den Platz schlich und schlenzte, wenn er mit dem Fußrücken seine „Aufzug“-Freistöße schraubte, die steil nach oben zogen, um dann gnadenlos nach unten zu fallen. Zuschauen, wie dieser Mann einen präzisen Ball nach dem anderen setzte, die Haltung dabei so schlaff, als wäre er am liebsten zu Hause geblieben. In Wirklichkeit barg diese vordergründige Lässigkeit höchste Konzentration. Pirlo spielte Fußball wie andere Schach.

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