Der Aufstand

Es ist unfassbar, aber wahr: Italiens Verbandspräsident Carlo Tavecchio ,74, weigert sich, nach dem Desaster der Nationalelf seinen Hut zu nehmen. Erstmals seit 1958 eine WM ohne Azzurri, ein in 60 Jahren unerreichter Tiefpunkt und der oberste Funktionär sieht nicht, was ihn das anginge. Ein Telefonat mit Adriano Galliani, dem Vertrauten von Silvio Berlusconi, auf dessen politischem Ticket Tavecchio fährt – und alles soll weiter laufen wie vorher. Weil Berlusconi nichts dagegen hat. Weil Agnelli und die anderen mächtigen Klubchefs schweigen. In der Vorstandssitzung gestern hat Damiano Tommasi, der Vertreter der Spieler, protestierend den Raum verlassen: „Es ist für uns schwierig, über den Neuanfang zu reden, wenn die alte Spitze an der Macht bleibt. Aber eine Trainerbank ist ganz offensichtlich unbequemer als ein Funktionärssessel.“ Renzo Ulivieri, der Vertreter der Trainer, ein ehemaliger Kommunist, unterstützt den Forza-Italia-Christdemokraten Tavecchio. Der Klub der alten Männer hält zusammen, obwohl das Vertrauen bei den Fußballern vollkommen weg ist! Aber wozu braucht man im Fußball Spieler?

Nur Ventura ist gegangen. Halt, stimmt ja gar nicht: Er ist gegangen worden. Von wegen Rücktritt, solche Gesten der Selbstachtung und Würde sind ja in diesen Zeiten viel zu teuer. Und so hat Gian Piero Ventura tatsächlich gewartet, dass er 48 Stunden nach der schlimmsten Niederlage eines italienischen Nationaltrainers entlassen wurde, um nicht auf seinen Lohn verzichten zu müssen. 1,5 Millionen für ihn, 300.000 für seine Mitarbeiter. Und kein Cent weniger.

Fans und Medien schäumen vor Wut. Die „Gazzetta“, sonst eher bekannt für freundliche Hofberichterstattung, lädt die Herren vom Verband ein, doch mal ihre Büros zu verlassen und in eine x-beliebige Kaffeebar zu treten, „damit sie endlich kapieren, was die Stunde geschlagen hat. Sie müssen weg, sie müssen gehen. Alle.“ Aus London meldet sich Gianluca Vialli, Ex-Angreifer der Azzurri, von Juventus, Chelsea und Sampdoria: „Wir brauchen eine Kulturrevolution.“ Neue Köpfe und neue Ideen im Verband, einen Manager der Azzurri wie es Oliver Bierhoff bei den Deutschen ist, hier am besten: Paolo Maldini. Nur bitte weg mit dem Muff von tausend Jahren: „Italien ist ein wunderbares Land, das aber leider von der Politik stranguliert wird. Im Fußball macht der Karriere, der die richtigen Kontakte in der Politik pflegt.“

Unterdessen werden in der Presse SMS aus Spieler-Handys veröffentlicht, die man den Journalisten jetzt freigiebig zuspielt. Einer hat vor dem Spiel gegen Schweden gesimst: „Wir sollten uns besser an Gigi halten. Buffon als Kapitän, Trainer und Spieler. Jetzt sind wir ein Schiff ohne Steuermann, mitten im Sturm.“ Tatsächlich wird sogar über Buffon als Trainer spekuliert, was ziemlich absurd ist, denn Charisma und Spielerfahrung werden kaum ausreichen, um diese Karre wieder aus dem Dreck zu ziehen. Außerdem wird Gigi noch bei Juve gebraucht, zum Beispiel nächste Woche gegen Barcelona.

Verbandschef Tavecchio will Carlo Ancelotti holen. Dieser Trainer, in Italien über alle Kritik erhaben, soll die Squadra Azzurra retten, vor allem aber den Verbandspräsidenten selbst. Ancelotti scheint es, sei nicht abgeneigt, billig wird er natürlich nicht und er besteht auf allen Freiheiten, die Antonio Conte nicht bekam. Bleibt die Frage, mit welchen Spielern er die Rekonstruktion betreiben will. Die Senatoren sind ja weg, bis auf Chiellini, der heute mit einem Interview im „Corriere della Sera“ seine Kandidatur als Kapitän angemeldet hat. Auch Daniele De Rossi ist gegangen, mit einer großen Geste, die der ruhmlos untergegangenen Squadra Azzurra Ehre macht:

Nach dem Schlusspfiff, nach den Tränen und der Trauer erschien De Rossi im Bus der schwedischen Mannschaft. Er entschuldigte sich für die Pfiffe des Publikums von San Siro gegen die schwedische Hymne. Und er sagte den Siegern: „Alles Gute für die WM, Jungs. Wir Italiener drücken euch die Daumen.“

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