Ist er wieder da?

Silvio Berlusconi hat in dieser Woche ein bisschen Wahlkampf in Brüssel gemacht – und wurde mit offenen Armen von der EVP empfangen. Ein Fehler, mahnt die SZ in einem Kommentar, Europa solle gefälligst die sozialdemokratische PD unterstützen. Nun gehört aber Berlusconi zur EVP, seitdem die Christdemokraten seinen Wahlverein Forza Italia in ihren Reihen aufnahmen. Wer Orgien schmeißt und unter dem Verdacht steht, Parlamentarier gekauft zu haben, wird deshalb noch lange nicht aus dem Kreis der so genannten Bürgerlichen verbannt. CDU-Abgeordnete, die nach Rom reisen, werden immer ganz einsilbig, wenn man sie auf den Freund ihrer Partei anspricht. Aber Fakt ist, dass Berlin und Brüssel eine so genannte Große Koalition für Italien gar nicht so übel fänden. Wobei Große Koalition den Zusammenschluss zwischen Forza Italia und PD meint, ohne die ultra rechten Schmuddelkinder von der Lega, mit denen Berlusconi gerade gemeinsam den Wahlkampf bestreitet. Wie er sich nachher von diesen selbsternannten Verteidigern der Weißen Rasse befreien will, weiß er vermutlich selbst noch nicht. Mit der einen Koalition Stimmen zu holen, um mit der anderen zu regieren, wäre jedenfalls kein Problem.

Das Irre ist ja, dass die Italiener ohnehin gar nicht wissen, wen sie wählen. Sowohl Forza Italia als auch die PD halten ihre Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten nämlich streng geheim. Sie können das, schließlich wird der Premier nicht direkt gewählt. Aber es gab durchaus Zeiten, wo klar war, wer gegen wen antrat. Prodi gegen Berlusconi zum Beispiel (der rundliche Professor gewann zwei Mal). Heute hält man sich bedeckt. Berlusconi darf ja nicht, obwohl er keinen Hehl daraus macht, dass es ihm wurscht ist, wer sein Handlanger ist. Und Renzi traut sich nicht aus der Deckung, weil seine Sympathiewerte im Keller sind. Was den eventuellen Handlanger angeht, siehe oben.

Bislang haben nur die Radikalen (Lega, Fratelli d’Italia), die Altlinken hinter dem alten Macho Piero Grasso und die Dilettanten von den Fünf Sternen ihre Spitzen-Kandidaten ausgewiesen. Für die Fünf Sterne will Luigi Di Maio Italien regieren, ein 31-Jähriger, berufsloser Studienabbrecher, vollkommen unbeleckt von höherer Bildung, politischen Visionen und praktischer Lebenserfahrung und deshalb vielen Landsleuten sehr sympathisch. Weiß man eigentlich, dass der Anteil der Akademiker im Land der Renaissance-Universalgenies bei 18 Prozent dümpelt und neuerdings sogar rückläufig ist? Aber sicher gibt es da Zusammenhänge. Und hat eigentlich irgend ein deutschsprachiges Medium darüber berichtet, dass, während Berlusconi in Brüssel antichambrierte, sich 5000 ausgebildete KrankenpflegerInnen nach Parma aufmachten, um dort einen Test zu absolvieren? Die 5000 bewarben sich um einen einzigen Arbeitsplatz! Staatliche Stellen werden hier in einem so genannten „Concorso“ (Wettbewerb) vergeben, bei dem der beste Bewerber den Job erhält. Um den „Preisträger“ für ein Bruttogehalt von 2000 Euro zu ermitteln, werden Massenprüfungen abgehalten. 5000 für einen Platz also, viele über Nacht im Bus angereist aus Süditalien. Oh ja, auch da gibt es Zusammenhänge in diesem Land der verratenen Träume.

Di Maio wird viele Stimmen bekommen, weil er quasi die postdemokratische Version des Selfmade-Man verkörpert: Aus dem Nichts bei einem Internet-Wahlverein angeheuert, wegen seiner vollkommen glatten Außen- und Innenfläche zum idealen Zugpferd auserlesen und prompt nach ganz oben katapultiert.

In diesem Wahlkampf geht es die ganze Zeit nur um Posten und Koalitionen. Inhalte spielen keine Rolle. Das ist wahrlich nichts Neues, nur ein weiterer Beweis dafür, dass Italien weit davon entfernt ist, den Berlusconismus überwunden zu haben.

Es sieht ganz so aus, als bräuchte es dafür tatsächlich Berlusconi.

 

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