Gegenrealität

Noch weiß man nicht, ob die Lega-Fünfsternbewegung zustande kommt. Noch weigert sich Präsident Mattarella, den 81-Jährigen Euro-Gegner Savona als Finanzminister zu vereidigen, weswegen die Koalitionspartner damit drohen, ihre Regierung platzen zu lassen. Sie scheren sich einen Dreck um die Verfassung, die in Italien dem Staatsoberhaupt zusteht, einen Regierungschef zu beauftragen und mit diesem über das Kabinett zu diskutieren.

Im Hintergrund konstruieren die Fünf Sterne emsig ihre Gegenrealität. Ein schönes Beispiel dafür ist ihr Märchen von der Xylella fastidiosa. Diese so genannte Feuerbakterie zerstört seit Jahren die Olivenbäume im südlichen Apulien. Auch Jahrhunderte alle Bäume trocknen, wenn sie von der Xylella befallen werden, einfach aus. Behördenschlendrian und Polit-Demagogen haben eine effektive Bekämpfung der Xylella bislang verzögert, ja verhindert. Die einzige Maßnahme wäre das Abholzen der Bäume.

Die Fünfsternleute behaupten dreist: Die Xylella gibt es nicht. Sie ist eine Erfindung wahlweise der Pestizid-Weltkonzerne, der Immobilienspekulanten und, last but not least, des PD. Auf gar keinen Fall dürfe man die befallenen Bäume abholzen, man müsse diesen Massen-Mord um jeden Preis verhindern. In vorderster Front, vereint mit dem Chef-Märchenonkel Beppe Grillo, fabuliert die deutsche Journalistin Petra Reski, die seit Jahrzehnten in Venedig lebt – nachweislich nicht als Olivenbäuerin (wie, ähem, unsereins). Reski ist Aktivistin der Fünf Sterne und gibt sich in jenen deutschen Publikationen, die sie noch drucken, alle Mühe, der neuen Regierung möglichst viel Positives abzugewinnen. In den sozialen Netzwerken behauptet sie derweil munter, alle deutschen Korrespondenten außer ihr seien dienstbare Geister des Renzismus (was immer das sein soll), die ihre Artikel aus der linken Presse abschrieben.

Aber gut, das sind Nebenschauplätze. Man kann allerdings auch auf ihnen nachvollziehen, wie die Neuen am Ruder arbeiten: Eine unabhängige Presse ist ihnen ebenso zuwider wie ein Staatspräsident, der seine von der Verfassung vorgegebenen Aufgaben erfüllt. Sie dulden keine Kritik und keine Widerrede – ihre Politiker treten etwa in Talkshows nur auf, wenn sie eine Monolog-Garantie bekommen. Politische Gegner und kritische Journalisten dürfen nicht anwesend sein. So weit ging noch nicht einmal Berlusconi. Aber der ist ja auch von gestern.

Willkommen in der Gegenrealität, in der neuen, italienischen Digital-„Demokratie.“ Man fragt sich , wann Europa aufwacht. Vermutlich, wenn ihnen alles um die Ohren fliegt.

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