Zwitschergewitter

Für alle, die es noch nicht begriffen haben: Nicht der ehemalige Padania-„Journalist“ Matteo Salvini, auch nicht der ehemalige Berufslose Luigi Di Maio, sondern SPON-Kolumnist Jan Fleischheuer und EU-Kommissar Günther Oettinger haben dafür gesorgt, dass die Risikozuschläge für italienische Staatspapiere innerhalb von Tagen Schwindel erregende Höhen erreicht haben und das Land kurzfristig den Absturz in die Ramschpapierklasse fürchten musste. Fleischheuers Beitrag „Die Schnorrer von Rom“ und Oettingers angebliches Fernsehinterview-Zitat „Die Finanzmärkte werden die Italiener schon dazu bringen, nicht für die Populisten zu wählen“, haben hier ein Twitter-Gewitter ohnegleichen ausgelöst.

Es spielt überhaupt keine Rolle, dass Fleischheuer als Dandy vom Dienst dafür bezahlt wird, sinnfreie Provokationen in die Welt zu blasen, weil Aufregung nunmal die Klickzahlen in die Höhe treibt. Sogar Präsident Mattarella echauffierte sich am Sonntag abend, ohne den SPON-Journalisten namentlich zu nennen, aber alle wussten, wer gemeint war. Wegen einer blöden online-Kolumne lässt sich der Staatspräsident herbei! Irre. Einfach nur irre.

Und erst recht spielt keine Rolle, dass Oettinger (oh Gott, ich hätte auch nie gedacht, dass ich für diesen Totalausfall von Politiker nochmal ein gutes Wort einlegen müsste), dass also Oettinger das, was er gesagt haben soll, nie gesagt hat. Es handelte sich um die sinngemäße Verkürzung des Journalisten von Deutsche-Welle-TV, der das Interview geführt hatte und es vor Ausstrahlung anpreisen wollte. Auf Twitter. Heutzutage reicht es ja nicht mehr aus, das Ding zu senden (oder eine Geschichte zu publizieren). Man muss als Journalist sich selbst und das eigene Gewerkel ständig anpreisen und übertreiben und hochjazzen. Dabei kommt dann unter Umständen heraus, dass Politiker (aller Couleur) in einem EU-Partnerland je nach Standpunkt aufschreien, sie verböten sich jede Einmischung in die inneren Angelegenheiten, oder: Das italienische Volk wähle immer noch selbstständig, oder: Man müsse es Italien vor einer neuen deutschen Invasion schützen, oder: Man werde jetzt endlich Italien von den Deutschen befreien.

Selbst die wenigen besonnenen Kommentatoren im Land warnen: Unterlasst diesen Zirkus, liebe Deutsche, ihr befeuert sonst unsere Populisten.

Ja, wo sind wir denn? Die befeuern sich, bei aller Liebe, immer noch am liebsten selbst. Der neueste Stand: Kehrtwende von Di Maio, der jetzt doch kein Amtsenthebungsverfahren für den Präsidenten will, stattdessen eine neue Runde der Koalitionsgespräche mit Salvini. Und Salvini, der Neuwahlen will, aber nicht in den Sommerferien, „um den Italienern nicht auf die Nerven zu fallen.“ Was letzteres angeht, wäre vielleicht angebracht, dass dieser ewig schwitzende, ewig geifernde Volksverhetzer sich selbst mal spontan eine Auszeit verordnet.

Salvini, Sie gehen uns gewaltig auf die Nerven!

Das wird natürlich nicht geschehen. Genauso wenig wie sich mein Traum realisieren wird, eine Woche lang das Internet in Italien still zu legen. Sieben Tage ohne Twitter, ohne Facebook, ohne Onlineforen und -petitionen. Sieben Tage Detox und Stille von dieser Dauer-Hysterie. Man könnte dann mal anfangen, ernsthaft über Zustand und Zukunft nachzudenken.

Und über sich selbst. Schadet keinem, noch nicht mal der Börse.

 

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