Balotellis Botschaft

Die Squadra Azzurra stolpert gerade durch drei Testspiele, die lange vor dem Scheitern in der WM-Qualifikation verabredet waren und nun absolviert werden müssen: 2:1 gegen Saudi Arabien (qualifiziert), 1:3 gegen Frankreich (Favorit). Man kann eigentlich noch gar nichts sagen, die Italiener sind klarerweise schon in den Ferien, die Gegner bei der Turniervorbereitung. Der Weg nach oben wird hart und steinig, soviel ist klar.

Und doch hat der neue Nationaltrainer Roberto Mancini bereits ein wichtiges Zeichen gesetzt: Nach vier Jahren Zwangspause spielt Mario Balotelli wieder. 2014 war er von den Alten in der Mannschaft und den Medien als Hauptverantwortlicher für das Scheitern in Brasilien ausgemacht worden. Conte und Ventura hatten ihn ignoriert. Mancini, der ihn aus Zeiten von Inter und Manchester-City kennt, gibt ihm nun wieder Vertrauen. Die „Senatoren“ um Buffon sind in Pension und Balotelli bringt mit seinen fast 28 Jahren neben dem Talent auch einige Erfahrung mit.

Letzteres macht ihn zum Vize-Kapitän. Und damit wären wir bei den Geistern, die Italien gerade auch jenseits der Fußballplätze umtreiben. Keine Stunde vergeht, ohne dass Matteo Salvini, der Lega-Boss und neue Innenminister, den Rassismus anstachelt. Die NGOs sind für ihn Helfershelfer der Schlepper, deshalb will er ihnen die italienischen Häfen verbieten. Den Armen ohne Aufenthaltsgenehmigung, die zu Tausenden als Tomatenpflücker und Hirten der Mozzarella-Kühe ausgebeutet werden, schreit er entgegen, es sei nun Schluss mit deren schönem Leben. Italien den reinrassigen Italienern! Der neue Familienminister will in diesem Sinne die Geburtenrate steigern, und die Abtreibungen für reinrassige Italienerinnen erschweren. Familien mit gleichgeschlechtlichen Eltern sind für ihn keine Familien. Für das Gesetz schon.

Noch.

Als Italien in der Schweiz gegen die Araber spielte, hing auf der Fantribüne das Band: „Mein Kapitän hat italienisches Blut.“ Gerichtet an Balotelli, dessen leibliche Eltern aus Ghana stammen. Vor dem Match gegen die Niederlande heute abend hat der Nationalspieler nun geantwortet:

„Ob ich Kapitän bin oder nicht, spielt für mich jetzt nicht so eine große Rolle. Meine Aufgabe ist es hier, möglichst viele Tore zu machen. Aber für andere könnte es ein wichtiges Signal sein, mich als Kapitän zu sehen. Vor allem für die Einwanderer aus Afrika. Ich habe Rassismus am eigenen Leib erfahren, vor allem als Junge tat das sehr weh. Es ist an der Zeit, dass Italien sich öffnet, wie Frankreich und England. Es ist an der Zeit, dass man hier endlich aufwacht.“

Dass ein italienischer Nationalspieler im Jahre 2018 einen derartigen Appell loswerden muss, das sagt eigentlich alles.

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4 Gedanken zu “Balotellis Botschaft

  1. Mario Balotelli ist sicherlich eine schillernde Persönlichkeit, aber auch ein Spieler, an dem die Geister sich scheiden. Unter Mancini erhält Balotelli eine neue Chance, doch noch etwas aus seinem Fußballerleben zu machen. Der mit Talent gesegnete Spieler verbrachte die letzten Jahre, ohne respektlos zu klingen, im sportlichen Niemandsland bei OGC Nizza und spielte mit dem Team eine gute Rolle in der Ligue 1 Frankreichs. Nicht mehr, nicht weniger. Balotelli hat diese Chance verdient und hat inzwischen vielleicht auch die Reife, um sie nicht verstreichen zu lassen.
    Der in Italien schwelende Rassismus ist ein erheblich komplexeres Problem. Die Gesellschaft ist in Italien seit jeher gespalten und die Populisten haben leichtes Spiel in einem Land, das wirtschaftlich am Boden liegt. Schnell wird nach dem Rauswurf der bösen Ausländer gerufen, die ja ach so viele Jobs wegnehmen. Dabei wollen viele Italiener diese Jobs zu Sklavenbedingungen gar nicht haben. Parallelen zu Deutschland sind bewusst so skizziert.
    Genauso wie Balotelli aus der Nationalmannschaft geworfen wurde, soll nun mit den Einwanderern verfahren werden. Es bleibt aber eine Prognose, die doch wieder positiv stimmt. Rassismus hat noch nie gewonnen. Er ist immer der Anfang vom Ende gewesen. Die Nationalmannschaft hat das Ende schon erlebt mit der Nicht-Qualifikation für die WM in Russland. Das Land Italien steht bereits am Abgrund und die Totengräber sind schon anwesend.

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    • Balotelli ist in der neuen Squadra Azzurra sicher einer der Erfahrensten…
      Über seinen angeblich so schwierigen Charakter ist in den letzten Jahren viel geschrieben worden (auch von mir). Und immer ging diese Kritik einher mit blankem oder kaum verhohlenem Rassismus. Muss sich ein schwarzer Italiener besser benehmen als ein weißer Italiener? Tatsache ist, dass es Balotelli auch in der Nationalmannschaft schwerer hatte als andere Jungtalente – womöglich lag das auch daran, dass er sich dem Konformismus der Veteranen nicht anpassen wollte. Jetzt ist er selbst einer, das stärkt sicher seine Position.
      Italien geht es übrigens wirtschaftlich nicht mehr so schlecht wie vor einigen Jahren. Ganz sicher liegt das Land nicht wirtschaftlich am Boden, trotz der Staatsschulden, die jedoch vor 20 Jahren kaum niedriger waren. Es sind „alte Schulden“, genauso wie andere Probleme wie die Jugendarbeitslosigkeit leider kein neues Phänomen sind. Vielmehr wurden und werden hier strukturelle Defizite ewig weiter geschoben ohne gelöst zu werden. Die neue Regierung macht das keine Ausnahme. Ihre Wahlgeschenke sind, wenn sie denn überhaupt vergeben werden, ganz sicher keine Investition in die Zukunft.
      Entscheidend für das schwache Wachstum sind u.a. eine viel zu lamgsame Justiz, die Investoren hemmt, sowie die mangelnde Innovationsfähigkeit vieler Familienunternehmen und vor allem die Rückständigkeit des Südens. A propos: Über die Mafia und ihre Bekämpfung spricht wenige Tage nach der Vereidigung der „Regierung des Wandels“ niemand mehr.
      Warum nun die Fünf Sterne und die rechtsradikale Lega zusammen regieren, dafür gibt es eine Vielzahl von Gründen, die aufzulisten hier zu weit führte. Bald mehr! Und danke für den Kommentar.

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      • Da hast du natürlich völlig Recht. Es ist ja auch wirklich komplex mit diesem wunderschönen Land. Ich pflichte dir bei, dass die Verhältnisse und warum sie nicht angepackt werden, niemand auf bloß 20 DIN-A-4-Seiten erlären kann.

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