Letzte Bastion

Unfassbar, wie die ZDF-Fußballkommentatorin Claudia Neumann angefeindet wird. Kommentare wie: Ich glaube ja, dass Claudia Neumann nicht mal ’ne vernünftige Kartoffelsuppe kochen kann, scheinen zu den harmloseren in den asozialen Netzwerken zu gehören. Fehler, die man bei Männern einfach überhört, werden ihr um die Ohren gehauen. Ja, mein Gott, kann passieren bei einem Live-Kommentar, dass man einen Spieler dem falschen Verein zuordnet. So what? Jeder macht Fehler bei der Arbeit, nur kriegt es im Fernsehen ein Millionenpublikum mit. Claudia Neumann war übrigens die weltbewegende Partie Japan-Kolumbien zugeteilt worden. In ihrem Kommentar verwechselte sie zwei japanische Spieler. Das wäre ihr wahrscheinlich bei, sagen wir, Spanien-Portugal nicht passiert. Spanien-Portugal hat nämlich jede/r drauf, sogar ich. Aber Spanien-Portugal konnte Frau Neumann für das ZDF nicht kommentieren. So fängst es schonmal an. Eine 54-Jährige Journalistin, die seit 1999 für die ZDF-Sportredaktion arbeitet, kriegt nach schlappen 19 Jahren den Renner Japan-Kolumbien aufgebrummt.

Fußball scheint für den europäischen Macho tatsächlich die letzte Bastion zu sein. Dass da jetzt auch noch die Frauen mitreden wollen, können viele einfach nicht fassen. Als wenn es besonders schwierig wäre, ein Fußballspiel zu verstehen – die Abseitsregel kapieren ja schließlich auch Männer, deren IQ von dem eines Nobelpreisträgers für Physik himmelweit entfernt ist.

In zwei Jahrzehnten Fußballjournalismus sind mir die haarsträubendsten Dinge passiert. Angefangen mit der Frage: Machen Sie das wirklich beruflich? über die als Kompliment getarnte Beleidigung: Für eine Frau verstehen Sie ja wirklich etwas von Fußball (siehe oben), bis zur unvergessenen Bemerkung von Berti Vogts, mit dem ich mal in Zürich eine Podiumsdiskussion bestritt: „Und Sie interessieren sich tatsächlich für Fußball?“ Die Zweifel und Sticheleien („können Sie eigentlich selbst Fußball spielen?“) kamen ausnahmslos aus Deutschland. In Italien, wo das Fußballfernsehen unglaublich sexistisch sein kann, bin ich von Spielern, Trainern und Kollegen nie darauf hingewiesen worden, dass ich als Frau ja eigentlich nicht dazu gehöre.

Warum auch? Wirtschaft ist Männersache, Politik ist weitestgehend Männersache, Journalismus ist immer noch Männersache. Die Frauen, die sich in diesen Bastionen durchsetzen, gelten immer als schwierig, sind immer voller Selbstzweifel und eigentlich immer besonders gut vorbereitet. Wenn das mal nicht der Fall ist, werden sie so gnadenlos angefeindet wie die Kollegin Claudia Neumann. Von Männern, die wahrscheinlich noch nicht mal eine vernünftige Kartoffelsuppe kochen können.

Aber, um das mal ganz klar zu sagen: Es geht hier nicht um Fachkompetenz. Diese viel beschworene Fußball-Fachkompetenz passt nämlich, hatten wir das schon?, in einen Tütensuppentopf. Vielmehr geht es darum, dass Frauen sich erdreisten, die männliche Welt von Freizeitvergnügen und Emotionen zu betreten. Fußball hat so wenig mit Wissen zu tun und so viel mit Gefühlen. Beim Toben und Schreien und Fluchen und Jubeln aber wollen die Jungs unter sich sein. Sie wollen nicht, dass Frauen auch dabei noch zugegen sind, und ihnen zudem auch noch was erzählen. Deshalb, und nur deshalb stören sich so viele Männer an der Stimme von Claudia Neumann. Den Fernseher anschalten, Pülleken Pils, in Ruhe Fußball gucken und dann…hallo! Das ist ja eine Frauenstimme! Viel zu hoch, viel zu schrill, viel zu…unpassend!

Von nichts kommt nichts. Während im alten Rom Frauen ganz selbstverständlich Zuschauerinnen im Circus und bei Gladiatorenkämpfen waren, wurden in nördlichen Gefilden Frauen sehr lange von gesellschaftlichen Vergnügungen ausgeschlossen. Bis heute ist es ja so, dass in Deutschland zwar ein Muslim Schützenkönig werden kann, aber Frauen immer noch nicht den Vogel abschießen dürfen. Weil das eine Spaßbremse wäre für die Männer.

Fußball ist Männersache, auch im Feuilleton. Die neue ZEIT etwa bringt ein Interview des Theaterkritikers Peter Kümmel mit dem Schauspieler Matthias Brandt zum Thema: Weltmeisterschaften. Ein schönes Gespräch, Kümmel ist ein toller Journalist und Brandt ein fantastischer Schauspieler. Aber es wäre ja auch mal ein Gespräch mit Caroline Peters zum gleichen Thema denkbar gewesen. Pustekuchen. Fußball-Erinnerungen sind Jungs-Erinnerungen. Wir Mädels haben die WM-Sommer offenbar immer nur im Pferdestall verbracht.

Was sind das für Männer, die Frauen aus ihrer Sphäre des Vergnügens, der nostalgischen Erinnerungen, letztlich des Sich-Selbst-Seins ausschließen wollen? Die den Frauen keinen Platz geben wollen im Spiel, sondern nur bei Arbeit und Pflichterfüllung? Es sind, soviel ist klar, schwache Männer.

Aber das ist wirklich ihr Problem.

 

 

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