Zweierlei Maß

Gebannt verfolgt die westliche Welt die Rettung der Jungen aus einer Höhle in Thailand, hat Mitleid mit den armen Eingeschlossenen und ihren Eltern. Genau dieses Mitleid lässt der Westen gegenüber Bootsflüchtlingen vermissen – ein Zivilisationsverlust, wie Matthias Dobrinski in der Süddeutschen schreibt. Der Begriff ist viel zu elegant. Es ist die Abkehr von Menschlichkeit, von der Pflicht zur Humanität, die sich gerade ausbreitet wie ein Virus. Und zwar überall. Wer kennt denn nicht die Diskussionen mit Bekannten, die man bislang zwar für ein wenig konservativ gehalten hat, die einen jetzt aber in abgrundtiefe Verlegenheit bringen mit ihrem Gehetze gegen „Wirtschaftsflüchtlinge“ (wer hat dieses Unwort noch gleich erfunden?).

Leute, die in privilegierten Welt-Gegenden leben, weil ihnen ihre privilegierten Berufe (oder die ihrer Ehepartner) das ermöglichen. Leute, die das Flüchtlingselend aus sicherer Entfernung im Fernsehen oder im Internet verfolgen, und doch fühlen sie sich aus dieser Distanz belästigt, ja bedroht. Auch die Deutschland lassen sie die Maske fallen, spätestens nach der letzten Regierungskrise wissen wir, wohin die Richtung führt. Der Konsens gegen die Schwächsten und Hilfsbedürftigsten wächst stetig, und es ist reine Augenwischerei zu glauben, dass er unter den ohnehin Abgehängten und Ausgegrenzten wuchert. Das Wort „Transitzentrum“ ist nicht von Hartz-IV-Empfängern geprägt worden, und es ist frappierend, wie selbstverständlich auch der angeblich liberale Mittelstand davon faselt, Deutschland müsse seine Grenzen schützen.

In Italien wird von Regierungsmitgliedern schlimmere Hetze betrieben, allen voran von dem rechtsextremen Innenminister und Führer der Lega (Nord). Der Mann regiert über Twitter wie Donald Trump. Seine Mission: Italien von Flüchtlingen befreien. Weiß man alles, wird aber täglich schlimmer. Heute keilt er gegen den Leiter der Staatsanwaltschaft in Turin: „Vielleicht meint der Oberstaatsanwalt, dass Italien ganz Afrika aufnehmen könnte? Eine bizarre Idee.“ Tatsächlich hat Oberstaatsanwalt Spataro erstens konstatiert, dass in seiner Stadt die ausländerfeindlichen und rassistischen Übergriffe zunehmen und zweitens Strafsicherheit für solche Übergriffe gefordert. Was bitte ist daran bizarr? Bei Tötung von Einbrechern aus Notwehr fordert die Lega vehement den Verzicht auf jede polizeiliche Untersuchung. Zu Hause soll frei geschossen werden dürfen. Das ist bizarr.

Zweierlei Maß für „Volksempfinden“ und Rechtsstaat. Das ist nicht nur bizarr. Sondern bedrohlich. Erst wird ein Klima geschafften, das die Übergriffe gegen Ausländer befeuert. Und dann erklärt man die Garanten von Recht und Gesetz zu Staatsfeinden.

 

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