Abgang mit Detonation

Mezut Özil hat lange gewartet mit seiner Reaktion. Zu lange, um nicht ernsthaft nachgedacht zu haben über seine eigene Rolle in der Affäre um das Erdogan-Foto und die nachfolgende Debatte. Zu lange vor allem, um derart ungefiltert derart viel Wut zu verbreiten. Keine Selbstreflexion. Keine Selbstkritik. Nur der Hinweis, er sei eben kein Politiker, sondern Fußballer. Als wenn der Umstand, Profikicker zu sein, einen erwachsenen Mann von Verantwortung und reflektierter Entscheidung befreien würde.

Özil ist nicht nur ein Fußballer. Er war Nationalspieler. Weltmeister. Und ein Symbol für die Integrationsfähigkeit der bundesdeutschen Gesellschaft. Als solches hätte er Erdogan nicht huldigen dürfen. Mit seinem furiosen Rücktritt aus der Nationalmannschaft hat er das Integrationssymbol Özil demontiert und gleichzeitig die Integrationsfähigkeit Deutschlands in Frage gestellt. Demontiert wird sie selbstverständlich nicht von ihm, sondern von anderen.

Bei aller Kritik an seiner Person – nicht Özil ist das Problem. Sondern der von ihm zu Recht beklagte Rassismus in der deutschen Gesellschaft. Und vor allem die zu Recht attackierte Unfähigkeit deutscher Fußballfunktionäre, den symbolischen und, jawohl, politischen Wert der Nationalmannschaft zu begreifen und zu würdigen, sowie ihren Spielern zu verdeutlichen, dass man von ihnen mehr verlangen muss, als sportliche Leistungen.

Nicht das Ausscheiden nach der Vorrunde ist die Stunde Null der Nationalmannschaft, sondern der Abgang ihres langjährigen Mittelfeldregisseurs. (Dazu hier auch der kluge Kommentar meines SZ-Kollegen Martin Schneider). Die Verlogenheit, die hierzulande im Umgang mit der wichtigsten Nationalelf herrscht, ist unfassbar. Özil hat ja recht, wenn er moniert, dass Lothar Matthäus sich ganz selbstverständlich mit Putin fotografieren lässt. Und nicht nur Matthäus, auch die ganze FIFA-Chefetage, die Putin umgarnte und nun bereit ist, Katar zuzujubeln. In einem Land, da ein ehemaliger Bundeskanzler für einen russischen Energiekonzern arbeitet, regen sich die Leute über einen Brausefabrikanten als Eigentümer des Erstligaklubs in Leipzig auf. Dabei ist Red Bull verglichen mit Gazprom (Schalke, Uefa-Champions League) ein Schrebergartenverein.

Özils Aufschrei gegen die Scheinheiligkeit des Fußballbetriebs ist richtig und wichtig. Leider fürchte ich, dass er schnell verhallen wird. Wohin der Hase in der Debatte laufen soll, hat ja heute morgen schon Uli Hoeneß angezeigt: „Hat einen Dreck gespielt. Froh, dass der Spuk vorbei ist.“ Der Spuk ist vorbei? Tja, auch da spricht der Richtige. Sich mit Erdogan fotografieren zu lassen, mit dem übrigens die Bundesrepublik einen tollen Deal fabriziert hat, um sich und der verehrten Wählerschaft Kriegsflüchtlinge vom Leib zu halten, ist jedenfalls nicht strafbar.

Bleibt die DFB-Führung, bei der man sich sowieso wundert, wieso die eigentlich noch im Amt ist. In anderen Ländern reicht eine Vorrundenpleite (Italien 2010). Hier aber kann einer der wenigen verbliebenen Weltstars den Rassismus der eigenen Chefetage beklagen und Türen knallend das Team verlassen, ohne das was passiert.

Man stelle sich dieses ganze Affentheater mal in Frankreich vor.

Nun, deswegen sind die ja auch Weltmeister.

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