Wenn das Klima drückend wird

Maria lebt seit fast 30 Jahren in einer Kleinstadt nördlich von Rom. Sie stammt aus Peru und ist studierte Ökonomin, nach der Uni reiste sie durch Europa und lernte einen Italiener kennen. Die beiden heirateten und Maria blieb in Italien. Inzwischen ist sie Mitte Fünfzig und hat alle möglichen Jobs ausprobiert, nur nicht den, für den sie studiert hat. Ihr Uni-Abschluss wurde nicht anerkannt, also machte Maria erst einen kleinen Laden auf und dann eine Wäscherei. Als sie die auf Bio umstellte, ging sie pleite. „Die Leute dachten, wenn ich ihre Sachen nicht chemisch reinige, können sie sie auch gleich zu Hause waschen.“ Wieder musste Maria von vorn anfangen, diesmal mit häuslicher Pflege, Alte und Kranke, sieben bis zehn Euro die Stunde, „die Familien geben mir halt, was sie übrig haben.“

Dreißig Jahre. Jetzt sitzt sie im Zug nach Rom, einen freien Tag mit einer Freundin genießen und sagt: „Wenn mein Mann und mein Sohn nicht wären, würde ich Italien verlassen. Das Klima ist zu drückend geworden. Jeden Tag wird es schlimmer.“ Draußen, auf dem Bahnsteig, kontrollieren drei Carabinieri und ein Schaffner die Papiere eines jungen Afrikaners. Er ist gut gekleidet, er hat eine gültige Fahrkarte und kann sich ausweisen. Der Schaffner bläst ihm seinen Zigarettenrauch ins Gesicht. Auf den Bahnsteigen herrscht Rauchverbot.

Nach zehn Minuten darf der junge Mann wieder Platz nehmen. Die Carabinieri ziehen ab. Vorher waren sie mit der Order: „Ausweise vorzeigen!“ durch den Zug gestürmt, aber dann wollte sie gar keine Ausweise sehen. Nur jenen von dem jungen Mann mit dunkler Hautfarbe.

„Unerträglich“, sagt Maria. „Der pure Rassismus. Täglich erhöhen sie die Dosis. So schaffen sie ein Klima der Angst.“

Sie sagt es leise. Niemand der Reisenden protestiert. Keiner erklärt sich solidarisch mit dem jungen Mann. Ich auch nicht. In solchen Momenten bremst mich, dass ich selbst Ausländerin bin und ehrlich gesagt, habe ich mich noch nie so sehr als Ausländerin gefühlt wie in den letzten Monaten. Wenn man sich einmischt, wird man angeblafft: „Wo kommen Sie denn eigentlich her?“ Subtext: Kümmere dich um deine Angelegenheiten, Italien gehört nicht dazu. Wahrscheinlich erginge es einer Italienerin in Deutschland ähnlich, die dagegen protestiert, dass an der bayerischen Außengrenze im Flixbus Rom-München nur dunkelhäutige Menschen kontrolliert werden. Genau das passiert.

Das Problem ist: Der Rassismus beschränkt sich hier nicht auf demonstrative Ausweiskontrollen. Auch nicht auf die unsäglichen Tweets des Innenministers. Im norditalienischen Lodi, einem blühenden Städtchen, hat die Lega-Bürgermeisterin Sara Casanova (so heißt sie wirklich) ein Apartheidssystem in den Schulen eingeführt. Casanova verlangte von allen Eltern jener Schüler, die bislang  ihr Mensa-Essen gratis bekamen, weil zu Hause kein Geld dafür übrig war, die Offenlegung ihrer Vermögensverhältnisse. Also nicht nur Einkommen, sondern auch sonstiges Vermögen.

Für Italiener und Europäer war das Ausfüllen des Formulars kein Problem. Doch auch Eltern aus Nicht-EU-Ländern wurden gehalten, die Formulare in ihren Heimatstaaten ausfüllen zu lassen. Bis dies geschieht, wurde das kostenlose Mensa-Essen gestrichen.

Im Klartext fordert die Bürgermeisterin einer norditalienischen Gemeinde Schülereltern aus Afrika, aus Syrien, aus Pakistan dazu auf, nachzuweisen, dass sie wirklich arm sind und nicht zu Hause drei Villen mit Pool besitzen, die sie dort Gewinn bringend vermietet haben, um sich in Lodi unter anderem ein kostenloses Mittagessen zu erschleichen.

Es ist ein Skandal. Die betroffenen Kinder können nur deshalb weiter die Mittagspause an einem Tisch mit ihren Klassenkameraden verbringen, weil sehr rasch 60.000 Euro Spendengeld zusammen kamen. Aber das kann in einem so reichen Land wie Italien, in einer reichen Stadt wie Lodi keine Lösung sein.

Wer in Italien ein Klima der Angst und Ausgrenzung schaffen will, der macht noch nicht einmal vor Schulkindern halt. Der überschreitet täglich neue Grenzen. Das ermutigt viele, es ebenso zu halten.

Das ist das eine. Zum Haushaltswahnsinn  hier ein kluger Kommentar vom SZ-Kollegen Alexander Hagelüken. Was die Verhandlungen mit der EU angeht, bin ich indes pessimistisch. Diese Regierung ist die Apotheose aus Ignoranz und Zynismus‘, sie braucht die Dauer-Konfrontation mit den Feindbildern drinnen und draußen wie Sauerstoff.

 

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