Europas Schande

Gestern sind 117 Menschen auf dem Weg über das Mittelmeer zu unserem Kontinent ertrunken. Europa hat die Verantwortung auf Libyen abgewälzt, aber dort hat niemand einen Finger gerührt. Wozu, es gäbe ja noch nicht einmal eine menschenwürdige Unterkunft für Gerettete. In Libyen gibt es nur Lager, vielerorts werden dort Flüchtlinge gequält, vergewaltigt, wenn es gut geht, ausgeraubt. Libyen kassiert Millionen von der EU, um uns die Flüchtlinge vom Leib zu halten. Genau wie die Türkei.

Damit wir wegschauen können, uns über den Dieselskandal aufregen, über den Plastikmüll und ein paar Journalistenmärchen im SPIEGEL. Was wir halt skandalös finden, während sich an unseren Außengrenzen ein neuer Holocaust vollzieht.

Aus gegebenem Anlaß dazu ein Beitrag eines deutschen Pastors in Italien. Heiner Bludau, Pfarrer in Turin und Vorsitzender des winzigen Verbandes der Evangelischen Kirchen, hat diese Stellungnahme verfasst. Ich kenne Herrn Bludau nicht persönlich und aus der Kirche bin ich vor Jahren ausgetreten. Aber seine Gedanken und seine Scham teile ich voll und ganz.

„Am 18. Januar geriet ein mit 120 Menschen völlig überladenes Schlauchboot vor der Küste Libyens in Seenot, nur drei Männer konnten von einem italienischen Militärhubschrauber gerettet werden. Die Sea-Watch, einziges NGO-Schiff, das zurzeit noch im Mittelmeer kreuzt, war vom Ort der Katastrophe zehn Stunden entfernt. Die libysche Küstenwache reagierte nicht. Unter den Opfern auch zehn Frauen, eine davon hochschwanger sowie zwei Kinder.

Die Nachricht, dass 117 Menschen im Mittelmeer ertrunken seien, hat mich zunächst sprachlos gemacht. 117 Menschen – das sind so viele wie die ganze Gemeinde, für die ich als Pastor in Turin zuständig bin. Im Januar im Meer ertrunken – die Angst und die Panik derer, die nach und nach im kalten Meer ihr Leben verloren, kann ich mir kaum vorstellen. Das Schicksal der Menschen auf der Titanic bewegt uns noch heute, hundert Jahre später. Die 117 am Freitag ertrunkenen Menschen werden in vielen Medien nicht einmal erwähnt. Sie sind lediglich ein Beitrag zur Statistik, die seit 2015 ca. 15.000 im Mittelmeer ertrunkene Menschen zählt. Am 20. Januar 2019 sind es schon 300.

Der Tod von 117 Menschen europäischer Abstammung würde eine riesige Welle von Berichten, Sofortmaßnahmen und Überlegungen dazu hervorrufen, wie eine derartige Katastrophe in Zukunft verhindert werden könnte. Was unterscheidet die Menschen auf dem Schlauchboot vor den Toren Europas von uns? Gibt es irgendeinen Verdienst, auf den wir uns berufen könnten, der rechtfertigt, dass wir in warmen Häusern leben, während Andere vor unerträglichen Lebenssituationen fliehen müssen? Können wir von uns noch behaupten, zivilisierte Menschen zu sein, wenn wir an dieser Stelle wegsehen? Sind wir auf dem Weg, Barbaren zu werden?“

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