Ein Prosit der Selbstgerechtigkeit

Der Kollege Marvin Schade ist noch jung, sehr jung. Vor vier Jahren war er noch Volontär und für andere Medien als für den nicht gerade weltberühmten Branchendienst Meedia-Magazin hat er noch nicht gearbeitet. Heute hat Marvin einen Coup gelandet, sogar die Bild-„Zeitung“ zitiert ihn. Er hat Dirk Gieselmann als jenen Autor entlarvt, von dem die SZ, die ZEIT und der SPIEGEL sich getrennt haben, weil er in einigen Geschichten, tatsächlich, geschummelt hat. Lieber Marvin, ich kenne dich nicht persönlich, aber hier ein Gratis-Tipp von Tante Birgit: Mit Selbstgerechtigkeit kann man es im deutschen Journalismus zwar nicht erst seit heute erstaunlich weit bringen, jedenfalls deutlich weiter als mit Talent. Aber ein Großer wird man damit trotzdem nicht.

Ich kenne auch Gieselmann nicht persönlich, obwohl ich für jene Medien, für die er lange gearbeitet hat, auch geschrieben habe, inklusive 11 Freunde. Wichtige Medien mit erstklassigen Redaktionen, die sich hier an die Brust schlagen müssen, weil Gieselmann, wie der kleine Marvin genüßlich zitiert, zum Beispiel in einer Story  “Einrichtungsgegenstände zweier Räume vertauscht” hatte. Skandal! Und weil es so aufregend ist, hier noch ein zweites Zitat:

„Ähnlich liest sich eine Korrektur im Artikel Mensch Dirki”: “Die Beschreibung der Inneneinrichtung des Gasthauses wurde gestrichen; einige Detailangaben zu Personen und Orten in Diepholz wurden korrigiert; die Erläuterungen über den Moorhof wurden gestrichen.”

Na Gott sei Dank. Gieselmann, schreibt der Meedia-Redakteur, habe ein „gestörtes Verhältnis zur Wahrheit“, allen Ernstes wird hier also mal so nebenbei behauptet, der überführte Kollege sei nicht ganz dicht. Oder was sollen wir uns unter einem „gestörten Verhältnis zur Wahrheit“ vorstellen? Und was, lieber Marvin, sollen wir uns, wenn wir schon mal dabei sind, unter „Wahrheit“ vorstellen? Wer hat die nochmal gepachtet?

Die Wahrheit ist, im Fall Relotius ging es um was. Im Fall Gieselmann geht es darum, dass ein junger Kollege die Hexenjagd auf einen Journalisten eröffnet, der schlicht ein toller Geschichtenerzähler ist. Gieselmanns Geschichten erheben keinen Anspruch auf Wahrheit, er ist nicht investigativ und auch kein politischer Reporter. Er schreibt Momentaufnahmen aus dem Alltag, nicht selten geht es um den Autor selbst. Auch in der SZ-Magazin-Geschichte, die für ihn fatal wurde, weil er eine Protagonistin erfunden hatte, ging es um nichts weiter als die Beziehung einer Frau zu einem Baum.

Man konnte Gieselmanns Ich-Geschichten wie das ganze Genre der personalisierten Welterfahrung blöd finden oder banal. Ich habe ihn fast immer gern gelesen und mich nicht nur bei seinen Fußball-Livetickern bestens unterhalten. Es war und ist mir vollkommen schnuppe, welche Möbel in seinen Geschichten in welchem Zimmer standen und ob im Gasthof wirklich ein Röhrender Hirsch hing oder ein Bergsee, wenn die Story stimmte. Meingott, wir Italiener wissen, dass es immer mindestens eine Wahrheit gibt, manchmal aber auch mehr als zwei. Und auch wir Deutsche  lesen unter anderem Zeitung, um uns an der Sprachkunst, an der Beobachtungsgabe und Kreativität mancher Autoren zu erfreuen.

Die Redaktionen, für die er zur Freude vieler Leser gearbeitet hat, haben seinen Namen nicht genannt, wohl wissend, dass die Karriere des 41-Jährigen ohnehin kompromittiert ist, wenn er für die wichtigsten Printorgane der Republik nicht mehr arbeiten kann. Marvin Schade aber hat Gieselmann der Meute zum Fraß vorgeworfen. Im Dienste der Wahrheit, selbstverständlich.

Es schmerzt mich, zu sehen, wie der deutsche Journalismus sich gerade selbst auffrisst. Wie die besten Schreiber der Republik von kleinen Kläffern hingerichtet werden, die den literarischen Journalismus hassen, weil sie selbst nicht den Funken von Talent haben. Wir alle haben eine Sorgfaltspflicht zu erfüllen und tun das nach bestem Gewissen. Falls du mich jetzt aufs Korn nehmen magst, lieber Marvin, wirst du leider nix finden. Kleiner Scherz. In mehr als 3000 Texten, die über die Jahre zusammengekommen sind, gibt es garantiert mehr als eine Schlamperei. Einmal habe ich in einem SZ-Stück über die Emilia Romagna geschrieben, dass es dort durch ein Erdbeben 24 Tore gegeben hätte. Der verantwortliche Redakteur an diesem Tag schickte mir den Text zurück mit der Bemerkung: „Rate mal – was ist falsch an diesem Satz?“

Raten Sie mal, was mich mehr schmerzen würde: Nie mehr eine Geschichte von Gieselmann lesen, der seine große Begabung jetzt nicht mehr nutzen darf, weil er einmal zu oft geschlampt und geschludert hat.  Oder nie mehr eine Geschichte von Marvin Schade im, wie hieß das noch? Ach ja: Meedia-Magazin.

 

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