Von Helden und Antihelden

In Italien muss man neuerdings ein Held sein, um die Staatsangehörigkeit zu erwerben. Im Land geboren und aufgewachsen zu sein, die italienische Schule zu besuchen und Italienisch zu sprechen, reicht nicht aus. Aber wenn man als Teenager den eigenen SchulkameradInnen das Leben rettet, darf man sich Hoffnungen darauf machen, mit einem italienischen Pass belohnt zu werden.

In dieser Woche wurde in Mailand ein Schulbus mit 51 Kindern und zwei Lehrern gekapert. Der 47-Jährige Busfahrer, italienischer Staatsbürger aus dem Senegal, bedrohte seine Passagiere mit einem Messer, fesselte sie und kündigte an, den Bus mitsamt aller Insassen in Brand setzen zu wollen. Zu diesem Zweck verspritzte er überall Benzin. Dazu schrie er, das Sterben im Mittelmeer müsse aufhören.

Der Fahrer nahm den Kindern ihre Handys ab. Trotzdem gelang es einem von ihnen, die Carabinieri anzurufen. Einem Jungen namens Ramy, 13 Jahre alt, Sohn einer ägyptischen Familie. Unterstützt wurde Ramy von seinem Freund Adam, dessen Eltern aus Marokko stammen. Die beiden gaben den Militärpolizisten derart präzise Hinweise, dass diese den Bus stürmen und eine Katastrophe verhindern konnten.

Für seine Heldentat soll Ramy nun Italiener werden dürfen. Das regte Vizepremier Di Maio von den Fünf Sternen an und Vizepremier Salvini von der Lega heißt es gut. Ramy darf Italiener werden, weil er sich besondere Verdienste erworben hat. Alle anderen Schulkinder, deren Eltern keine Italiener sind, müssen bis zum 18. Lebensjahr warten, bis die die Staatsangehörigkeit beantragen dürfen. Im Moment braucht es weitere vier Jahre, um den Antrag zu prüfen. Diese Prüfzeit ist von Vizepremier Salvini soeben verdoppelt werden. Ramys SchulkameradInnen, unter ihnen auch Freund Adam, müssen also warten, bis sie 22 sind. In dieser Zeit sind sie faktisch rechtlos und viele von ihnen bleiben in dieser Zeit sogar staatenlos. „Wenn Ramy will, dass seine Schulfreunde auch Italiener werden, kann er sich ja ins Parlament wählen lassen und ein neues Gesetz machen“, sagt Salvini.

Bewusst erzähle ich diese unglaubliche Geschichte, die in den deutschen Medien weitgehend untergangen ist, weil hier zum Glück ein entsetzliches Blutbad verhindert wurde, in möglichst dürren Worten. In Italien wird sie von allen Seiten auf eine extrem beunruhigende Weise emotional aufgeheizt. Vizepremier Di Maio und Vizepremier Salvini wollen etwa dem Täter die Staatsangehörigkeit entziehen. Er soll wieder nur Senegalese sein und nicht mehr Italiener sein dürfen. Das ist nach Gesetzeslage möglich, falls der Mann letztinstanzlich als Terrorist verurteilt ist. Vorher sind alle Rufe nach Entzug der Staatsangehörigkeit pure Propaganda.

Als Senegalese wird der Geiselnehmer konsequent bereits in Radio und Fernsehen bezeichnet. Vizepremier Salvini bezeichnet ihn auf seinem Twitter-Account außerdem auch noch als „ekelhaften Wurm“ und „Schandkerl“ , er unterstellt überdies der sozialdemokratischen Opposition, „Verständnis für diesen Verbrecher“ zu haben. Die Staatsangehörigkeit könne man gewähren und entziehen, es handele sich schließlich nicht um eine Eintrittskarte zu einem Vergnügungspark.

In der Tat. Die Art und Weise aber, wie diese italienische Regierung darüber verfügt, wer zu ihrem Volk gehören darf und wer nicht, ist eine Verhöhnung rechtsstaatlich-demokratischer Prinzipien. Es geht nicht um Menschenrechte, es geht nicht um Bürgerrechte, sondern um das Recht der Herrschenden, einen Pass wie eine Belohnung zu gewähren. Das ist ungeheuerlich und es ist ebenso ungeheuerlich, wie das unter dem totalen Desinteresse Europas geschehen kann.

Die Umwandlung Italiens in einen antidemokratischen Staat ist ein schleichender Prozess, der vor etwa 20 Jahren begonnen hat und nun fast abgeschlossen ist. Dass dieselben Männer, die einen 13-Jährigen als Helden belohnen wollen und einen Attentäter aus der Volksgemeinschaft ausschließen, ein weiteres Grundrecht verbissen bekämpfen, passt zu diesem Programm.

Der Schriftsteller Roberto Saviano, von der Camorra verfolgt, seitdem sein Weltbestseller „Gomorrha“ erschien, ist von Vizepremier Salvini wegen Beleidigung angezeigt worden. Saviano hatte Salvini als „Minister der Mala Vita“ bezeichnet. Dieser Begriff bedeutet „schlechtes Leben“ aber auch „Mafia“. Neben der Anzeige betreibt Salvini eine beispiellose Kampagne gegen Saviano. Er bezeichnet ihn als „Schwätzer“, er droht damit, ihm die Leibwache zu entziehen. Saviano lebt seit vielen Jahren in Polizeikasernen und unter ständigem Polizeischutz. Mit anderen Worten: Dieser Schriftsteller wird daran gehindert, selbstbestimmt und frei zu leben, weil der italienische Staat nicht für seine Sicherheit garantieren kann.

Für die Anhänger Salvinis ist Saviano ein Staatsfeind und ein Schmarotzer (man vergisst, dass er mit seiner eigenen Arbeit wohlhabend geworden ist) ein verabscheuenswürdiges Mitglied der „Kaste“. Eigentlich also auch kein richtiger Italiener. Wer Italiener sein darf und wer nicht, das bestimmen der Mob und seine Führer.

Jawohl, das gab es schon einmal.

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