Herbstblond

Dass Thomas Gottschalk in seiner neuen Sendung Publius Naso, vulgo Ovid, im lateinischen Original deklamiert, finde ich eigentlich ganz nett. Wenn das auch nur zwei Zuschauerinnen dazu brächte, sich das – Entschuldigung – allergeilste Buch der Weltliteratur, vulgo die Metamorphosen anzuschauen (es gibt auch sehr schöne Übersetzungen), wäre das doch fantastisch. Natürlich ist Gottschalks Latein nicht schön und natürlich ist er fürchterlich eitel und quatscht deshalb seine Gäste in Grund und Boden. Natürlich ist es ein wenig peinlich, dass er das Erzähler-Ich mit der Autorin selbst verwechselt. Aber das tun wahrscheinlich auch gar nicht so wenige seiner Zuschauer.

Die Zeitungs-Kritiker haben Gottschalk fürchterlich abgewatscht. Der Tonfall war überall ungefähr der gleiche: Was erlaubt sich dieser Pfau, in unser Terrain einzudringen? Die NZZ geht noch ein bisschen weiter, ernennt den deutschen Showmaster zum „Fleischwolf des Kulturschaffens“ und die inkriminierte Sendung sogar zu einem „Dammbruch in der Geschichte der Literaturkritik.“ Das sind ja ziemlich gewagte Metaphern. Kann man aus dem Kulturschaffen eigentlich Hackfleisch machen? Und kommt nun, da die Dämme der Literaturkritik gebrochen sind, eine Sintflut, die der Kritiker der NZZ auf seiner Arche übersteht, umgeben von handverlesenen LiteraturkritikerInnen, paarweise?

Wenn man das so liest, könnte man fast meinen, die deutsche Literaturkritik hätte auch ein, zwei Probleme. Eines ist aus meiner Sicht, dass seit Jahren die allerblödesten Bücher zu Meisterwerken hochgejubelt werden, weil man entweder die Autoren kennt oder deren Verleger oder beides. Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus, aber wehe, es kommt da mal ein Paradiesvogel daher. Nicht zufällig ist Maxim Biller aus dem Literarischen Quartett ausgeschieden. Ohne dass die Sendung dadurch auch nur ein bisschen uneitler geworden wäre.

Der deutsche Literaturbetrieb ist derart hochsubventioniert, dass er es sich leisten kann, mehr Eitelkeit als Bücher auszubrüten. Das sage ich jetzt nicht, weil ich im letzten Jahr von einer Schriftstellerin, deren Namen ich anstandshalber verschweige, vor den Deutschen Presserat gezerrt worden bin, weil es ich gewagt hatte, auf der Seite Drei meiner Zeitung ihre grauen Wollsocken und ihren Muckefuck-Kaffee zu erwähnen. Soviel Respektlosigkeit war die Autorin ganz offenkundig nicht gewöhnt. Da musste sie gleich die Höchststrafe für schlimme Schreiberlinge einfordern, die gegen die ethischen Grundsätze unseres Berufsstandes verstoßen: Eine Rüge durch den Presserat. Die Beschwerde wurde abgewiesen, bleibt aber symptomatisch für eine Literaturwelt, in der vielen AutorInnen der Sinn für die eigene Lächerlichkeit vollkommen abgeht.

Gottschalks Büchersendung ist natürlich kein Funk aus dem intellektuellen Olymp. Ja, mein Gott. Welches Problem hat eigentlich das deutsche Feuilleton, wenn es sich immerzu gegen die Unterhaltung für Nicht-Akademiker abgrenzen muss? Hier sollen ganz einfach Leute, wie es so schön heißt, zum Lesen angeregt werden. So what? Besser eine Büchersendung als noch ein Krimi. Oder eine Polit-Talkshow. Oder ein Nations-League-Spiel.

Hier übrigens ein Link zur allerbesten Literatursendung im deutschen Fernsehen, der „Buchzeit“ auf 3sat. Gert Scobel, Barbara Vinken, Sandra Kegel und Katrin Schumacher – ein Dreamteam.

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