Von der Schwäche der Antifaschisten

Endlich regt sich hier mal was gegen täglich dreister kläffende Rechtsextreme. Der Präsident der Region Piemont (PD) und die Bürgermeisterin von Turin (5 Sterne) haben gemeinsam den Verleger Francesco Polacchi wegen Verherrlichung des Faschismus angezeigt. Polacchi, dem der Kleinstverlag AltaForte gehört, der unter gerade anderem ein neues Interview-Buch mit dem Lega-Duce Matteo Salvini herausgebracht hat, hatte sich in Interviews eindeutig geäußert. Er sei Faschist und der Antifaschismus sei die wahre Plage Italiens.

Salvini würde das zwar so nicht sagen. Aber nicht von ungefähr hielt er vorige Woche eine Wahlkampfveranstaltung von einem Balkon in Forlì ab, auf dem seit Mussolini kein Politiker mehr gesprochen hatte. Von diesem Balkon hatte Mussolini auch der Hinrichtung von vier Widerstandskämpfern zugesehen. Der Bürgermeister von Forlì aber auch viele Bürger protestierten empört gegen die Verhöhnung der Resistenza durch Salvini. Mehr passierte nicht. Man fragt sich, warum der Staatspräsident nicht mal deutlich wird gegen die kaum verbrämte neofaschistische Hetze des Innenministers. Oder auch jene opportunistische Mehrheit der italienischen Journalisten, die Rechtsextreme seit Jahren als ganz normale Politiker präsentiert.

Der Faschismus erstarkt, weil er es kann. Die RAI sendet einen naiven (?!), völlig unkritischen Beitrag über die Wallfahrt von „Nostalgikern“ zum Mussolini-Grab, in dem sich etwa die Europa-Parlamentarierin (!) Alessandra Mussolini über die „Zuneigung zu meinem Opa“ freut. Frau Mussolini sitzt in den Reihen der EVP, das nur nebenbei. Morgen, also ausgerechnet am 8. Mai, hat der Auslandspresseclub in Rom, dem ich seit 1993 angehöre, den Kandidaten Caio Giulio Cesare Mussolini von der neofaschistischen Partei „Fratelli d’Italia“ eingeladen. Nicht obwohl, sondern NUR, weil er Mussolini heißt. Pittoresk, nicht wahr? In der SZ hatte der Typ leider auch schon seinen Auftritt

Dass Italiens Neofaschisten auch richtig ungemütlich werden können, steht auf Spiegel Online. Nicht im Netz verfügbar, jedenfalls nicht gratis, ist mein Essay über Italiens Digitalfaschisten für das Schweizer Republik-Magazin.

Deshalb hier nur ein kleiner Auszug:

„Das neue Blau des Matteo Salvini ist ieine optische Täuschung. Sein politisches Herz ist so schwarz wie das seiner Verbündeten, der Neofaschisten von Casa Pound und Forza Nuova und der selbsternannten Postfaschisten von „Fratelli d’Italia“ (Brüder Italiens). Anstatt sich vom Faschismus zu distanzieren, lobt Salvini lieber die guten Werke des alten Duce, wie die Einführung der Rentenkasse und die Trockenlegung der Pontinischen Sümpfe. Den Antifaschismus bezeichnet er derweil als „Instrument zur Ablenkung der Massen.“ Und kassiert dafür den Applaus derjenigen, deren historisches Gedächtnis nicht weiter reicht als jenes ihres Internet-Browsers. Das sind in Italien viele und durchaus nicht nur in Nicht-Akademikerkreisen. Die Tabuisierung der historischen Mitverantwortung hat Tradition in einem Land, das sich zu Recht auf seine antifaschistische Resistenza berufen kann, aber hinter dem Mythos der Vaterlandsbefreiung gegen die deutschen Besatzer die riesige Unterstützung für den eigenen Duce allzu beflissen unter den Teppich kehrt. … Als die sozialdemokratische Vorgängerregierung 2017 ein Gesetz zur Strafverfolgung von faschistischer Propaganda (darunter auch die Duce-Kalender) einbrachte, wurde es von einer großen Koalition der Rechten mit den Fünf Sternen abgeschmettert – als Versuch gegen die Beschränkung der Meinungsfreiheit.

Der Faschismus gehört noch immer dazu, weil ihn keiner endgültig auf den Abfallhaufen der Geschichte befördert hat. Gerade tanzt er in seinem neuen Kleid als Digitalfaschismus in einen neuen Frühling hinein. Was Benito Mussolini, der seine journalistische Karriere in der sozialistischen Emigrantenpresse von Lugano begann, als faschistischer Diktator mit Zeitungen und dem Radio gelang, und der Medienzar Silvio Berlusconi in den 1990er Jahren mit seinen Fernsehsendern betrieb, das schafft Salvini nun per Internet: Wählerstimmen gerieren, Konsens schaffen, Kritiker ausgrenzen.

Das Geniale daran: Die Möglichkeit, einen Kommentar abzusondern, gibt auch Salvinis politischen Gegnern das Gefühl, sich einmischen zu können. (…) Aber es handelt sich um eine bloß suggerierte Partizipation. Die Kritik geht unter in den entfesselten Statements jener Anhänger, die als anonyme Masse überhaupt kein Blatt vor den Mund nehmen müssen. Und Salvinis Staff kommentiert oder zensiert keine der sexistischen oder rassistischen Äußerungen zu den Minister-Tweets. So bietet der Social-Media-Auftritt des Polizeiministers eine legitimierte Plattform für demokratiefeindliche Hasstiraden.“

Am 25. April, dem Nationalfeiertag zur Erinnerung an die Befreiung von Faschismus und Nationalsozialismus, habe ich an der Gedenkveranstaltung der Jüdischen Gemeinde Rom teilgenommen. Bernhard-Henri Levy hielt eine sehr eindringliche Rede. Die italienische Verteidigungsministerin Trenta (5 Sterne) sprach ebenfalls, genau wie Roms Bürgermeisterin und Antonio Tajani. Der Präsident des Europaparlaments hatte kürzlich im Radio daher geschwätzt, Mussolini habe auch Gutes geleistet. Jetzt ging er darauf mit keiner Silbe ein, entschuldigte sich auch nicht, sondern gab den kämpferischen Verteidiger der italienischen Juden. Peinlichst. Gruselig. BHL war zum Glück schon gegangen. IMG-20190425-WA0010

Wenige Meter weiter fand die offizielle Demo des Partisanenverbandes statt. 70.000 Teilnehmer (bei der Jüdischen Gemeinde waren ungefähr 200 und wir vermutlich die einzigen Nichtjuden). Darunter auch eine Abordnung von „Free Palestine“, die dafür gesorgt hatte, dass Roms Juden auch diesmal wieder nicht zur Antifa-Veranstaltung kamen. Der Partisanenverband hat lieber „Free Palestine“ bei seiner Demo zum 25. April als die Erben der Jüdischen Brigade in der Resistenza. Deshalb gibt es seit Jahren zwei Veranstaltungen.

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Was haben die Palästinenser mit dem 25. April zu tun? Italien 2019 ist ein Land, das sich der eigenen Vergangenheit nicht stellen mag. Ein Land, in dem die Antifaschisten lieber ihre Vorurteile, Empfindlichkeiten und Tabus pflegen, anstatt gemeinsam den neuen Führern der Rechten entgegen zu treten.

Und deshalb haben die Faschisten wieder leichtes Spiel.

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Ein Gedanke zu “Von der Schwäche der Antifaschisten

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