Auf die Nüsse

In unsere Gegend an der Schnittstelle von Toskana, Umbrien und Latium kommen alljährlich Millionen gut verdienende Touristen aus Europa und aus Nordamerika. Leute, die an Kultur interessiert sind und sich von intakten mittelalterlichen Städten, pittoresken Dörfern und einer von Olivenhainen und Weinbergen geprägten, uralten Kultur-Landschaft in berauschen und beruhigen lassen wollen: Italien, wie es im Prospekt steht.

Tatsächlich ist es gerade so, dass die Städte und Dörfer unangetastet auf ihren Hügel träumen, wie es sich gehört – außer, sie befinden sich in Erdbeben-Hochrisikogebieten. Die Landschaft aber verändert sich radikal. Weinberge, mehr noch Olivenhaine verwildern und verschwinden, weil es zu mühselig und zu teuer wird, sie instandzuhalten. Die Landflucht der jungen Italiener hält seit Jahrzehnten an, in der Kleinflächen-Landwirtschaft arbeiten fast nur noch die Alten. Und die Klimaveränderung macht auch den Großproduzenten zu schaffen. Wer kann sich in diesen Zeiten noch darauf verlassen, dass die nächste Olivenernte das Überleben des Betriebs sichert? Wir (Kleinbauern mit 50 tragenden Bäumen) ernten schon seit zwei Jahren nicht mehr. Im ersten Jahr war’s die Fliege, im zweiten eine grausame Frostwelle mit einer Woche bei minus zehn Grad. Einer unserer Freunde, Landgraf und Großbauer in den nahen Sabiner Bergen mit 1500 Bäumen, schafft sich gerade ein neues Lagersystem an, mit dem das Öl auch in zwei Jahren nicht ranzig werden soll. Um der nächsten Missernte vorzubeugen.

Andere satteln gleich ganz um. Auf Haselnüsse. Hier sieht man, wie das geht. Die letzten Olivenbäume wurden, übel zurecht gestutzt, vor den neuen Haselnuss-Wänden stehen gelassen, mehr tot als lebendig:

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Italien ist heute nach der Türkei die Nummer zwei der Haselnuss-Produzenten weltweit. Die Türken halten 70 Prozent, die Italiener 12 Prozent. Der Abstand ist also riesig, soll aber möglichst rasch verkleinert werden. Ferrero (Nutella etc.) will bis 2025 jährlich 20.000 Tonnen mehr Haselnüsse aus Italien beziehen – der Lebensmittelriese war zum Beispiel wegen Kinderarbeit auf den Haselnussplantagen der Türkei ins Gerede gekommen. Und was Erdogan als Nächstes einfällt, weiß man als italienischer Unternehmer ja auch nicht.

Das Herz der Haselnussproduktion schlägt in unserer Gegend, genauer: In der Provinz Viterbo. 45.000 Tonnen jährlich, Tendenz steigend. Überall sieht man, wie aus Olivenhainen im Handumdrehen (tatsächlich schaufeln die Bagger) Haselnusswälder werden. Hier zum Beispiel ist der einzige Olivenhain weit und breit unschwer als silbergrauer Fleck zu erkennen. Ringsherum stehen nur noch dunkelgrüne Haselnuss-Plantagen.

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Der Effekt ist verheerend, nicht nur für’s Auge. Denn der Haselnuss-Strauch ist im Unterschied zum Olivenbaum nicht immergrün. Sein dunkelgrünes Laub fällt im Herbst ohne Anstalten zu machen, sich wenigstens dekorativ zu färben. Die Haselnuss ist außerdem kein Baum, schon gar nicht ist sie knorrig. Sie wird nicht tausend Jahre alt wie der Olivenbaum. Es sind langweilige Sträucher im Standardformat, industriell angepflanzt.

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Gegenüber dem Olivenbaum ist der Haselnussstrauch ein Starkfresser. Er frisst Dünger und Wasser tonnenweise. Für die Dürre-resistenten Olivenbäume braucht man allerhöchsten ein bisschen Naturdünger (wir nehmen Eselmist), viele Bauern düngen überhaupt nicht. Zum Schutz vor Fäule genügt Kupfersulfat, das auch in der Bio-Landwirtschaft zugelassen ist. Die Haselnuss aber will Herbizide, Fungizide und Pestizide en masse. Damit kommt man auf 50 Doppelzentner pro Hektar, während die Bio-Landwirte höchstens 15 bis 20 Doppelzentner erwirtschaften. Bei den Oliven ist das Verhältnis fast 1:1.

Gegen den rasanten Raubbau an der Landschaft hat die Regisseurin Alice Rohrbacher vor ein paar Monaten empört bei den drei Regionalverwaltungen protestiert. Namentlich wehrt sie sich gegen die rapide fortschreitende Monokultur in ihrer Heimat zwischen Orvieto und dem Lago di Bolsena. „Felder und Haine, Hecken und Bäume verschwinden für ein Meer von Haselnuss-Sträuchern“, klagte Rohrwacher. Die Regionalpräsidenten aus Umbrien, Latium und der Toskana antworteten, man müsse zuerst die Bauern schützen und dann die Landschaft. Nachhaltigkeit ist hier überhaupt kein Thema für die Politik. Mit Nachhaltigkeit gewinnt man keine Wahlen. Deshalb lässt man zu, dass die Straßen durch eine der schönsten Gegenden Europas zunehmend so aussehen:

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Trotzdem stemmt sich jetzt wenigstens der Bürgermeister von Bolsena, wo jede Menge Deutsche Urlaub machen, gegen den weiteren Flächenfrass der Haselnuss. Er hat ein Anbauverbot erlassen.

Es ist ein Anfang.

 

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