Seine Eminenz Robin Hood

In Deutschland sind Frauen im Kirchenstreik, um ihre Forderungen nach Gleichberechtigung in der katholischen Kirche zu unterstreichen. Maria 2.0. Das ist sicher wichtig, auch wenn ich es als Nicht-Gläubige nicht ganz verstehen kann. Gleichberechtigung bei den Katholiken hieße doch dann auch, dass Frauen Päpstin werden können, oder? Aber wäre das dann noch die katholische Kirche? Die mit dem Anspruch auf Alleinseligmachung und der strikten Heiligen-Hierarchie? Wir werden sehen. Es ist jedenfalls ein spannender Kulturkampf, der sich allerdings auf die protestantisch geprägten Länder nördlich der Alpen beschränkt.

Südlich der Alpen passiert derweil so etwas: Der Verantwortliche der Päpstlichen Almosenverwaltung, Kurienkardinal Konrad Krajewski, fährt an einem Samstag mit einem Lieferwagen voller Spielzeug und Kinderkleidung zu einem besetzten Haus an der Via di Santa Croce in Gerusalemme unweit der Lateransbasilika. Er steigt aus, verteilt das Spielzeug unter den 100 Kindern. Insgesamt leben in dem Gebäude, das mal Büros der staatlichen Sozialversicherungsanstalt beherbergte, 170 Familien, insgesamt 450 Personen. Flüchtlinge, italienische Wohnungslose, kurz: Arme Menschen aus aller Welt, die in Rom keine andere Bleibe gefunden haben und von denen die wenigsten katholische Christen sind.

Für (von der Caritas) geschätzte 14.000 Wohnungslose gibt es derzeit 2000 Schlafplätze. Von Wohnungen mal ganz zu schweigen. In der letzten Woche kam es an der Peripherie zu Tumulten, als eine 14-köpfige (!) Roma-Familie eine ihr zugewiesene Sozialwohnung bezog. Auf der Straße vor der Wohnung machten Neofaschisten Radau und bedrohten die Roma. Einer von ihnen schrie einer Frau ins Gesicht: „Ich werde dich vergewaltigen, du Nutte.“ Über die asozialen Netzwerke wies Innenminister Matteo Salvini darauf hin, dass Sozialwohnungen gefälligst an Italiener zu gehen hätten und nicht an Roma. Das ist das Klima in diesem eiskalten Mai. Roms Bürgermeisterin Virginia Raggi wurde von ihrem Fünfstern-Parteiführer, Wirtschafts- und Sozialminister Luigi Di Maio zurecht gewiesen, weil sie es gewagt hatte, die bedrängte Roma-Familie zu verteidigen. „Zuerst kümmern wir uns um die Italiener“, sagte Di Maio. Papst Franziskus lud die Verfemten spontan zu einer Audienz in den Vatikan ein. Die Familie ist muslimischen Glaubens.

Krajewski hat kaum die Geschenke verteilt, da zieht er sich einen Blaumann an und steigt in den Keller. Mit einer dicken Taschenlampe, denn in dem Gebäude wurde vor sechs Tagen der Strom abgestellt. Die Hausbesetzer hatten die Leitung angezapft und natürlich die Rechnungen nicht bezahlt. Erstens kamen diese Rechnungen logischerweise nicht bei ihnen an, schließlich sind sie Besetzer und nicht Besitzer. Zweitens hätten sie sowieso kein Geld. Als sich in sechs Jahren 300.000 Euro angehäuft haben, kappt der Versorgerbetrieb den Strom.

Sechs Tage ohne Licht, Kühlschrank und warmes Wasser sind eine lange Zeit. Zu lange für die Familien, entscheidet Seine Eminenz. Er wird bei der Polizeipräfektin vorstellig. Die sagt, sie kann nichts machen, es wäre gegen das Gesetz. Also stellt der Kardinal im Blaumann den Strom für die Rechtlosen eigenhändig wieder an. Er kann das, er hat es gelernt, bevor er Priester wurde in Polen.

„Dann soll er jetzt auch die Stromrechnung bezahlen“, hetzt Matteo Salvini. Er will alle besetzten Häuser in Rom räumen lassen – außer jenem Palazzo, in dem seit Jahren illegal die Neofaschisten von „Casa Pound“ hausen. Nichtbezahlte Stromrechnungen über 210.000 Euro. Die Bürgermeisterin hat längst einen Räumungsbefehl ausgegeben, aber Innenminister Salvini stellt sich quer: „Ich sehe keine Priorität.“ Schon klar, sind ja echte Italiener. Genau wie die Brüder der rechtsextremen „Forza Nuova“, ebenfalls Salvinis Verbündete. Die sind am Sonntag vor der Peterskirche aufmarschiert, mit einem riesigen Spruchband gegen Papst Franziskus. Soviel zum Kulturkampf in Rom.

Am Tag nach dem Handwerkereinsatz des Kardinals Krajewski zeigt sich die Stadtverwaltung zu Verhandlungen bereit. Man wird eine Lösung finden für die Stromrechnung der Hausbesetzer.

In Deutschland Maria 2.0, in Italien Konrad 1.0.

Passt.

 

 

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