Forza Capitana

Matteo Salvinis stärkster Gegner ist eine junge Deutsche mit Rasta-Haaren: Carola Rackete, 31, Kapitänin des NGO-Schiffs „Sea Watch.“ Vor zwei Wochen haben sie und ihre Crew 42 schiffbrüchige Flüchtlinge vor Libyen gerettet. Mit ihnen Tripolis anzusteuern und so in die libysche Folterhölle zurückzukehren, kam nicht in Frage. Tunesien, wo es kein politisches Asyl gibt, ebenso wenig. Blieb als nächster sicherer Hafen Lampedusa, Italien. Doch Italien will keine Bootsflüchtlinge mehr aufnehmen. Nacht für Nacht schaffen es zwar Verzweifelte, an italienischen Küsten anzulegen. Die „Sea Watch“ aber ist zu groß, um unentdeckt zu bleiben. Also wurde sie ein Fanal. Salvini will an ihr ein Exempel statutieren. An der NGO und an der Kapitänin.

„Noch nicht mal an Weihnachten lass ich die an Land“, twitterte er. Höhnte, Rackete solle die Geflüchteten nach Amsterdam, Brüssel oder Berlin bringen. Er, Salvini, sei verpflichtet, Italien und die Italiener zu verteidigen. Gegen 42 Menschen, darunter sechs Frauen, die den libyschen Lagern entkommen sind, um wochenlang in der Sommerhitze auf dem Mittelmeer zu treiben. Für den Innenminister der sechstgrößten Wirtschaftsmacht der Welt sind sie eine Bedrohung. Invasoren, die den armen Italienern ihr sauer verdientes Geld wegnehmen und ihre Frauen bedrängen.

Vorgestern nahm Carola Rackete Kurs auf den Hafen von Lampedusa, nachdem ihre Hilferufe an italienische Behörden keine Antwort gefunden hatten. „Ich weiß, was ich riskiere, aber die 42 Geretteten sind erschöpft. Ich bringe sie jetzt in Sicherheit.“ So schlicht und einfach klingt ziviler Ungehorsam für die Menschlichkeit. Welches Gesetz gilt denn eigentlich für uns Europäer – das Gebot der Menschenrechte, der Menschenwürde, die uralte, unveränderliche, sakrosankte Regel, nach der Hilfesuchenden Hilfe zuteil werden muss, nach der ein Menschenleben über allem steht? Oder die zynischen Bau-Vorschriften der Festung Europa?

Rackete riskiert Gefängnis und eine horrende Geldstrafe von 50.000 Euro. Sie pfeift darauf. Eine Meile vor der Insel wurde sie zwar gestoppt, aparterweise von der Finanzpolizei, die, anstatt den italienischen Volkssport Steuerhinterziehung und die Geschäfte der Cosa Nostra zu unterbinden, offenbar jetzt die Ärmsten der Armen blockieren muss. Aber die Bilder von dem Schiff vor Lampedusa lassen in Italien keinen kalt. Salvinis Anhänger schäumen: Schiff versenken, Kapitänin ab in den Knast. Wobei letzteres noch die freundlichste Variante ist. Auf die junge Aktivistin entlädt sich der ganze Hass eines zutiefst frauen- und menschenverachtenden Pöbels. Nicht nur, dass sie Deutsche ist. Sie ist vor allem: eine Frau.

„Ich habe keine Zeit zu lesen, was Innenminister Salvini über mich schreibt“, sagt sie. Das ist nur zu verständlich und außerdem auch klug. Salvini schreibt zum Beispiel: „Nicht alle, die als reiche, weiße Deutsche geboren werden, müssen uns in Italien auf den Sack gehen.“ Wörtlich. „Was sagt denn die Regierung in Berlin dazu? Ist das normal, dass eine ihrer Bürgerinnen zu uns kommt und sagt: die italienischen Gesetze jucken mich nicht? Lampedusa und Italien brauchen zahlende Touristen, keine Illegalen, für die wir bezahlen müssen.“ Salvini nennt Rackete „die Signorina“ oder „die kleine Angeberin“, er höhnt, die „Sea Watch“ sei kein Kreuzfahrtschiff und könne deshalb sehr wohl in Tunesien anlegen, wo ja kein Krieg herrsche. Er argwöhnt, Rackete werde von internationalen „Finanziers“ bezahlt, eine Anspielung auf das Lieblingshassobjekt der Faschisten, den jüdischen Philantropen George Soros. Er argumentiert, die Kapitänin habe das Verbot der italienischen Behörden missachtet wie ein Autofahrer, der eine Polizeikontrolle ignoriert. Je länger die „Sea Watch“ vor Lampedusa liegt und je stoischer Rackete ihn überhört, desto irrer und brutaler werden seine Tweets. Alle verhaften, auch jene Parlamentarier der Opposition, die zur Unterstützung auf das Schiff gekommen sind, „um sich ein schönes Wochenende zu machen, auf Kosten der Steuerzahler.“ Am Ende tönt er nur noch, keiner der Flüchtlinge werde in Italien kontrolliert – diese Drohung mit dem Bruch der EU-Regeln ist ziemlich überflüssig, weil die Kontrollen ohnehin extrem lasch sind.

Innerhalb von 24 Stunden spenden Italienerinnen und Italiener über 250.000 Euro, damit die „Sea Watch“-Leute ihre Geldstrafen zahlen können. Carola Rackete sagt: „Ich muss mich bei Matteo Salvini bedanken, für diese überwältigende Unterstützung.“ Aber auch Italien kann sich bei ihr bedanken, weil sie vorgeführt hat, dass der Hetzer nackt ist. Ein hysterischer Rassist ohne Plan und ohne Lösung, der ein ganzes Land in Geiselhaft nimmt. Italien ist nicht Salvini. Italien ist das Land mit tausenden Flüchtlingshelferinnen und -helfern, das Land jener Seefahrer, die Menschenleben retten, anstatt zynisch mit ihnen zu spielen. Carola Rackete hat nicht nur den Schreihals Salvini vorgeführt, sondern ganz Europa. Wie lange soll das noch so weiter gehen, dass wir die Gemarterten und Verzweifelten ablehnen? Wie lange wollen wir sie überhören, übersehen, uns aus der Verantwortung stehlen? Wie lange wollen wir diese Schande noch?

Matteo Salvini hatte sein Pulver schon verschossen, bevor die Flüchtlinge an Land gehen konnten. Leute wie er haben keine Argumente, nur Hass. Und der Hass, das hat die Kapitänin Rackete bewiesen, reicht als Treibstoff keine einzige Seemeile weit.

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