Der Pelikan

Neulich waren wir für ein Wochenende in der Maremma. Ein Freund feierte seinen Geburtstag auf dem Monte Argentario, wo seine Familie seit vielen Jahrzehnten ein kleines Ferienhaus hat. Es war ein zauberhafter Abend auf einer Terrasse, von der der Blick über die Lagune von Orbetello und die toskanische Küste reichte. Einer dieser Abende, an denen auch Italiener es in vollen Zügen genießen, in Italien zu sein.

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Übernachtet haben wir nachher hier. Ein frisch renoviertes, angenehmes  B&B auf dem Land, mit großen Zimmern und selbstgemachter Birnenmarmelade zum Frühstück (habe ich gleich nachgekocht).

Auf dem Argentario gibt es keinen Massentourismus, weil es nur wenige Hotels gibt und kein Airbnb. Zum einzigen Sandstrand kommt man nur nach längeren Fuß- oder Radweg durch einen Pinienwald. Auf dieser felsigen Halbinsel sind im Sommer 90 Prozent der Urlauber Römer und 99 von denen haben entweder selbst eine Ferienwohnung oder sind zu Besuch bei Freunden. Viele haben ein Boot, mit dem sie die Küste erkunden, schwimmen und tauchen, Seeigel ernten. Die Insel Giglio ist nur wenige Seemeilen entfernt und nach der Bergung der Costa Concordia zum Glück wieder im Dornröschenschlaf versunken.

Natürlich zieht so etwas sehr reiche Menschen an, die immer auf der Suche nach etwas Besonderem sind und sich das dann leisten können. Bereits in den 1960er Jahren kaufte die niederländische Königsfamilie ein großes Grundstück auf dem Argentario. Sie rauschten mit ihrer Riesenyacht mal am kleinen Boot unserer Freunde vorbei, als wir gerade wieder Richtung Giglio schipperten.

Der Nachbar von Willem Alexander ist das Hotel Pellicano, eine Insel auf der Insel für reiche Menschen, die im Urlaub am liebsten unter ihresgleichen sind. Ich war da mal vor vielen Jahren für eine Reisereportage für die Süddeutsche. Schon damals fand ich merkwürdig, dass Hotelgäste für einen Aufenthalt in einer sehr abgelegenen Bungalowanlage mit Betonstrand (!) so viel Geld zahlten – obwohl es doch in Italien wirklich schönere und ja! auch sehr viel elegantere Hotels gibt als dieses. Die Zimmer sind weder besonders groß, noch besonders schön, das Restaurant ist für seine knappen Portionen berüchtigt und irrsinnig überteuert. Das einfachste Doppelzimmer kostet in der Nebensaison Mitte Oktober knapp 500 Euro, selbstredend ohne Meerblick. Dafür muss man mindestens nochmal 100 Euro drauflegen. Im Sommer dann halt doppelt und dreifach. Wie gesagt: Als „Cottage“ deklarierter Bungalow am Ende der Welt, oder doch wenigstens der Toskana. Kein Zutritt für Kinder. Soll natürlich alles jede/r so halten wie sie/er will. Damals hatte mir der Vater der heutigen Besitzerin die Anekdote erzählt, wie er einmal Prinz Bernhard den Einlass in die Hotelbar verwehrte, weil der Shorts trug.

Jetzt finde ich im ZEIT-Magazin ein sehr langes Interview mit der Hotelbesitzerin. Geführt wurde es, wie ich dem Einstieg entnehme, in Rom. Man hat sich also cool erspart, den Journalisten in die Toskana einzuladen, damit er sich vor Ort davon überzeugen konnte, wie toll der Schuppen ist, der hier auf vielen Seiten über Gebühr angepriesen wird. Ein kleiner Auszug:

Es gab immer viele interessante Menschen um uns herum. Ich erinnere mich zum Beispiel sehr gut an den Fotografen Slim Aarons, der bei mir ein anhaltendes Interesse an der Fotografie geweckt hat. Oder eine Lady, Georgiana Abreu, die auch von Slim Aarons fotografiert worden ist, die hat mich unheimlich beeindruckt. Die kam ins Hotel, bis sie 98 Jahre alt war, und sie war einfach immer unfassbar schick, wirklich fabelhaft, die hob sich selbst noch von den Pellicano-Gästen ab. Und wenn ich an die besonderen Menschen im Pellicano denke, muss ich auch meine Mutter erwähnen. Die hatte so einen unglaublichen Stil. Und Kreativität und Heiterkeit! Wissen Sie, wenn es zum Beispiel eine Sonnenfinsternis gab, die man nur in Mexiko sehen konnte, dann gab sie aus diesem Anlass eine Party im Pellicano. Und wenn die Leute sie fragten, was das soll, dann sagte sie: „Weil es in Mexiko eine Finsternis gibt, ist das nicht fantastisch?“ Und die Leute feierten mit.

Tja. So geht es fröhlich weiter. Banalitäten über Banalitäten, mit den unterwürfigsten Fragen serviert und mit klischeehaften Fotos garniert.  Wie gesagt: Jede/r, wie sie/er möchte. Das scheint halt genau das zu sein, was sich der deutsche Mittelstand unter italienischem Lifestyle vorstellt. Oder Dolce Vita, wie der Fachbegriff lautet.

Aber reiche Erben haltlos dafür zu bewundern, dass sie noch Reicheren die Illusion von Exklusivität verkaufen können – ist das eigentlich guter Journalismus?

Auf der Party unseres Freundes, der aus adliger Familie stammt und im römischen Bahnhofsviertel San Lorenzo eine Autowerkstatt betreibt, gab es Chianti vom Bauernhof seines Cousins. Später wurde unter allgemeiner Begeisterung dieser Song gegrölt, der aus verschiedenen Gründen unübersetzbar ist und auch sonst nicht zu erklären.

Um Mitternacht folgte die Kunst der Fuge von Bach. Zum Abwasch.

 

 

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