Tolstoi, Homer, Cervantes. Und Handke

„Ich bin ein Schriftsteller, ich komme von Tolstoi, ich komme von Homer, ich komme von Cervantes. Lasst mich in Frieden und stellt mir nicht solche Fragen.“

So wehrt Peter Handke Journalisten ab, die ihn auf die Kritik des deutschen Buchpreis-Gewinners Saša Stanišić an seiner Position zum Jugoslawienkrieg ansprechen. Tolstoi, Homer und Cervantes haben im Gegensatz zu Peter Handke nie den Literaturnobelpreis erhalten, das Pech der frühen Geburt. Auch sonst haben sie mit Handke weniger gemeinsam, als dieser denkt. Tolstoi beschäftigte sich in seinen Romanen nicht nur mit dem Russlandfeldzug von Napoleon, sondern auch mit der Bauernbefreiung: Achtung, Politik. Nicht im Traum wäre er auf die Idee gekommen, zu behaupten, man müsse seine Person von seinem Werk trennen, denn er sei ja halt Schriftsteller, ein Kollege von Homer, Cervantes und Handke. Und kein Politiker.

Homer, ebenfalls bekannt für die ganz großen Gemälde (Kriege, Mythen, Sex and Crime), wird auch geschätzte 3000 Jahre nach seinem Tod gelesen. Über Herrn Handke können wir das natürlich noch nicht sagen, aber ich wage mal die Prognose, dass der Gedanke an mehrtausendjährigen Nachruhm einigermaßen kühn wäre.

Was Cervantes angeht – der hat gleich mehrfach im Knast gesessen. Es ging zwar nicht um seine Schriften, sondern ums liebe Geld und einmal gar um Mordverdacht, aber: Der Spanier hatte, was dem Schriftsteller Handke nachweislich abgeht, nämlich eine aufregend abenteuerliche Biographie.

Handkes Abenteuerleben bestand im Wesentlichen aus seiner hinlänglich zitierten Reise durch das zerborstene Jugoslawien und die unsägliche Grabrede auf Milošević im März 2006. Für beides wollte und will er sich nicht rechtfertigen, stattdessen zieht er sich auf die Position zurück, ein Schriftsteller dürfe nur für seine eigentliche Arbeit beurteilt werden: die poetische Bewältigung der Welt, die Kraft und Wirkung der eigenen Sprache.

So reden und denken Reaktionäre, und es ist sehr bestürzend, dass der Mann genau deswegen von Teilen der deutschen Literaturkritik auch noch gefeiert wird. Etwa von Denis Scheck, der den Nobelpreis freudig  als „eine Ohrfeige für die politische Korrektheit“ lobte. Es geht aber nicht um politische Korrektheit, sondern um den letzten brutalen Krieg in Europa und seine Folgen. Und es ist unsäglich, dass Handkes Befindlichkeiten (slowenische Mutter) da offenbar von manchen höher bewertet werden als das Leid Hunderttausender.

In diesem Sinne hat der aus Bosnien stammende Stanišić, , der 1992 mit seiner Familie nach Deutschland floh, nun bei seiner Dankesrede zum Buchpreis mit Handke abgerechnet: „Ich hatte das Glück, dem zu entkommen, was Peter Handke in seinen Texten nicht beschreibt.“ Der Hölle zu entfliehen, die der Andere nicht sah – und bis heute nicht sehen will.

Das war dann mal eine schöne Ohrfeige für jene, die an dem misanthropischen, alten Zausel Handke kleben, weil der halt renommiert ist und international bekannt. Oder auch nur, weil er sie an ihre eigene Jugend erinnert. Etwa den Norweger Knausgard, anderer Großmeister eitler Geschwätzigkeit und verschraubter, männlicher Introspektive. Er sei von Handke beeinflusst, säuselt Knausgard. Man hätte sich fast gedacht, dass es nicht Homer, Cervantes oder Tolstoi waren, allein schon wegen der Themenwahl. Immerhin stellt er sich nicht in eine Reihe mit den drei Riesen. Oder jedenfalls wurde das jetzt nicht zitiert.

Handkes ganze Selbstgerechtigkeit kriegt übrigens in diesem seltenen Gespräch die ORF-Journalistin Katja Gasser ab, die sich zum Beispiel anhören muss, Journalisten seien allesamt feige, „denn sonst wären sie ja Künstler.“

Geschenkt. Aber der Literatur-Nobelpreis für diesen Unbelehrbaren ist ein Skandal. Noch einmal Saša Stanišić:

„Ich halte Handke auch außerhalb des Bosnien/Serbien-Komplexes für einen schlechten Autor und nicht preiswürdig. Wenn er aber nur für diese alten Texte ausgezeichnet wäre, wäre mir das egal. Weil die harmlos sind und halt vor sich hinplätschern & hineiteln & in sich aber stimmen.“

Hineiteln, das ist es. In Handkes eigener, kleinen Welt.

 

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