Stiller Haarschnitt

Der „stille Haarschnitt„, den man neuerdings in einem Londoner Friseursalon buchen kann, hat mehr mit dem Katzencafé in der Münchner Türkenstraße zu tun, als es auf den ersten Blick scheint. Denn Menschen, die es noch nicht einmal aushalten, beim Friseur ein bisschen Smalltalk zu machen, könnten irgendwann tatsächlich derart einsam sein, dass sie ein Café ansteuern, weil man dort zu veganem Kuchen und Hafermilch ein Tier streicheln kann.

Beides ist ja ein bisschen irre. Und auf jeden Fall Ausgeburt einer massiven Individualisierung. Man will für sich sein, im Zug (früher einer der besten Orte für Stunden lange Gespräche mit Unbekannten), im Restaurant (immer mehr Einzeltische), in der Wohnung. Tja und jetzt auch beim Friseur. Das heißt, den braucht man natürlich noch, aber der soll gefälligst nur waschen, schneiden, föhnen. Und bloß nicht quatschen. Die Friseurin wird auf ihre bloße Funktion reduziert, darüber hinaus will man sich mit ihr nicht auseinandersetzen.

Der SZ-Artikel über den „stillen Haarschnitt“ zeigt dafür jede Menge Verständnis:

„Und wo waren Sie dieses Jahr im Urlaub? … Nirgends?“ (peinliches Schweigen) „Ach, zuhause ist es doch am schönsten, nicht wahr?“ (Nicken, peinliches Schweigen) „Haben Sie denn Geschwister? … Nein? Na ja … auch schön.“ (Schweigen) Der Small-Talk mit dem Friseur oder der Friseurin kann so unfassbar zäh sein, dass sich der 20-Minuten-Haarschnitt oft wie zwei Stunden anfühlt. Das weiß jeder – auch die meisten Friseur*innen selbst.“

Dabei ist es doch so einfach, aus den 20 Minuten ein wirklich interessantes Gespräch zu machen. Zum Beispiel, indem man der Friseurin ein paar Fragen stellt. Über ihren Alltag, ihre Projekte. Man kann Kochrezepte austauschen, über die Energiewende, die Verkehrspolitik, über den Wohnungsmarkt reden. Oder über Haustiere.

In Italien hätte der „stille Haarschnitt“ keinen großen Erfolg, glaube ich. Zwischenmenschliches Schweigen wird hier als peinlich, ja schmerzhaft empfunden. Ein Zeichen dafür, dass die Beziehung gestört ist. Dass man sich einfach nicht für den anderen interessiert, ist keine Option. In jeder Sekunde des Lebenstheaters haben wir unsere Rolle, und dazu gehören auch die Rollen als Friseur und Kunde. Die muss man halt ausfüllen, man kann sie aber auch gestalten. Als Mensch.

Auch hier geht das Bewusstsein dafür allerdings rasant verloren. Früher hatte jede Tankstelle einen Tankwart – heute ist Selbstbedienung fast so verbreitet wie in Deutschland. Früher ging man nicht nur ins Restaurant, weil man keine Lust zum Kochen hatte, sondern, um einen Abend im Gasthaus zu erleben, mit richtigen Kellnern, vielleicht einem Wirt, den man schon lange kannte, und natürlich mit den anderen Gästen. Heute lässt man sich das Essen von schlecht bezahlten „Riders“ in Warmhaltekästen nach Hause bringen.

Ich mache das ja alles nicht mit, weil ich es schrecklich deprimierend finde. Wenn wir unseren Umgang mit Menschen auf das rein Funktionale reduzieren, wenn wir dauernd nur aufs Einsparen von Zeit und Emotionen fixiert sind, dann leben wir nicht mehr. Sondern werden zu Rädchen in einem sinn und geistlosen Betrieb.

Und meine Katzen dürfen raufen und auf Bäume klettern. Von Unbekannten lassen sie sich nicht anfassen. Sind halt Katzen.

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