Zum 9. November

Der Hass auf Juden greift um sich in unserem alten Europa, wie immer angefacht von einer Mischung aus Ignoranz und diffusem Sozialneid – diffus deshalb, weil er sich auf die gesamte Außenwelt richtet, die es angeblich besser und leichter hat als man selbst. Die organisierte Rechte kümmert sich dann darum, diesen herumirrenden Neid zu fokussieren, indem sie den Evergreen verbreitet, die Juden kontrollierten die Weltfinanz. Das passiert in Frankreich, es geschieht in Deutschland,nach Halle, und es greift auch in Italien um sich.

Mit dem Unterschied, dass sich der italienische Antisemitismus genauso wie der italienische Rassismus für harmlos hält und sich permanent selbst Absolution erteilt. Was irgendwie besonders widerlich ist und natürlich kein bisschen weniger brutal. Bei Abendessen in Rom, wo die älteste jüdische Gemeinde außerhalb Palästinas ansässig ist, kann man immer wieder erleben, dass angesehene Herrschaften Judenwitze erzählen oder üble Bemerkungen machen. Und keiner sagt was dazu. Eingreifen und Zurechtweisen gilt als unelegant, als brutta figura. Bitte, der meint das doch nicht so, wer wird denn gleich. Die Toleranz der Italiener gegenüber ihrer eigenen Intoleranz ist grenzenlos.

Der jüdische Journalist Gad Lerner wurde kürzlich bei einem Parteifest der Lega aggressiv beschimpft und bedrängt. Niemand aus der Parteiführung hat sich dafür entschuldigt, dass das Fußvolk den Mailänder anbrüllte, er solle sich gefälligst „in sein eigenes Land“ scheren. Gemeint war Israel.

Seitdem die Auschwitz-Überlebende Liliana Segre (von deutschen Besatzern und italienischen Faschisten deportiert mit 14 Jahren) zur Senatorin auf Lebenszeit ernannt wurde, ist sie die Zielscheibe widerlichster Anfeindungen. Die offen faschistische Forza Nuova hat sie jetzt während einer öffentlichen Veranstaltung sogar mit einem Spruchband beleidigt, hinzu kommt die übliche Hasskampagne im Netz. Forza Nuova pflegt beste Beziehungen zur Lega, die sich schon lange nicht mehr nach rechts abgrenzt (hat Berlusconi übrigens auch nie getan).

Senatorin Segre hatte vergangene Woche die Bildung einer Parlamentskommission gegen Rassismus beantragt. Das halbe Parlament spendete ihrer bewegenden Rede stehend Beifall. Die andere Hälfte – Lega, Berlusconis und die rechten „Brüder Italiens“ blieben demonstrativ sitzen.

Heute hat der Polizeichef von Mailand Liliana Segre wegen akuter Gefährdung ihrer körperlichen Unversehrtheit eine Leibwache zugeteilt. Bodyguards für eine 89-Jährige Dame, so weit ist es in diesem italienischen November gekommen.

Überflüssig, findet Lega-Chef Matteo Salvini. Beleidigungen und Drohungen wie Signora Segre bekomme er selbst auch jeden Tag. Mit anderen Worten: Die Senatorin solle sich nicht so anstellen.

Antisemitismus gibt es nämlich in Italien gar nicht.

 

 

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