Oh Venezia

In der Taz steht der erstaunliche Satz, das Hochwasser in Venedig sei das Ergebnis einer neoliberalen Politik. Und habe nichts mit dem Dauerregen zu tun, der in diesen Wochen auf Italien heruntergeht und auch anderswo im Land große Probleme schafft. Etwa in der Maremma, wo an der Küste Hunderte von Pinien entwurzelt wurden. In Florenz, wo der Arno bedrohlich nah unter dem Ponte Vecchio brodelte. Oder in Südtirol, wo der Regen als Schnee niederkam und viele Lawinen auslöste.

Aber Venedig löst nun mal in Deutschland und anderswo in der Welt starke Emotionen aus und die drei deutschen Journalisten, die dort ansässig sind, haben deshalb verständlicherweise Erklärungs-Hochkonjunktur. Hier verbreitet sich die üblicherweise gern im Fahrwasser von Beppe Grillo schwimmende Taz-Autorin auch in der FAZ mit der These, nicht die Klimaveränderung verursache das Hochwasser (übrigens immer noch unter dem Stand des Rekords von 1966), sondern die menschliche Gier. In Deutschland werden solche Predigten immer dankbar aufgenommen. Man weiß ja, wie schlecht die Italiener wirtschaften.

Aber mal langsam mit den jungen Pferden. Was die neoliberale Politik angeht, hat die ja nie wirklich ein Bein an die Erde gekriegt, weil sie dann doch erheblich ausgebremst wurde vom Schlendrian und der Korruption, beides Phänomene, die Jahrtausende ebenso überdauern wie Ideologien. Kann man allen Ernstes behaupten, ein Staatsmonopolist wie Berlusconi sei neoliberal? Oder etwa der Ex-Pfadfinder Renzi, dessen Ehefrau als Aushilfslehrerin an einer staatlichen Grundschule arbeitet? Neoliberal ist auch der Putin-Freund Salvini nicht, zu dem würden mir ein paar andere Neos einfallen. Der Schlendrian und die Korruption sind weder rechts, noch links und sie sind bis dato auch nicht von jenen neuen Bewegungen abgeschafft worden, die von sich behaupten, sie seien weder das eine noch das andere.

Was in Venedig geschieht, ist ganz ohne Frage eine Folge des Klimawandels, der Italien nun schon seit Jahren immer wieder sintflutartige Regenfälle mit Erdrutschen und Hochwasser beschert, oftmals mit dramatischen Folgen. Sintflut deshalb, weil sich das Meer in einem schier endlosen Sommer bis Ende Oktober besonders aufgeheizt hat und entsprechend große Wassermengen verdunsten konnten. In Ligurien, in der Toskana, aber auch in Süditalien erwartet man den Herbstregen Jahr für Jahr mit großer Sorge. Jetzt ist er da – und er trifft Venedig. Aber nicht nur. Hier gibt es zum Thema ein paar interessante und abgeklärte Einsichten eines Wissenschaftlers.

An der Lagunenstadt entzünden sich die Geister, weil dort ein irrer, spätkapitalistischer Massentourismus (Kreuzfahrtschiffe) auf ein extrem fragiles, mittelalterliches Stadtgefüge trifft und es in seinen Grundfesten bedroht. Das Ausbaggern der Kanäle schadet den Palazzi dabei ebenso wie die Hochhaus großen Schiffe das Ökosystem der Lagune zerstören, noch mehr Wasser in die Stadt pressen und die Luft verpesten. Dazu kommt der allzu intensive touristische Alltagsverkehr auf den Wasserstraßen. Und dass das Schleusensystem Mose nach Jahrzehnten der Bauzeit und Milliarden ausgegebener Staatsgelder immer noch nicht funktioniert, ist ein Skandal. Der sich zur Veränderung des Klimas noch summiert.

Den Kreuzfahrttourismus sollte man aus meiner Sicht genauso abschaffen wie die Formel 1. Beides sinnlos, schädlich und von gestern. Aber sich darüber zu beschweren, dass der Tourismus Venedig zerstört, finde ich übertrieben. In der Stadt leben noch gut 50.000 Einwohner – und die anderen sind nicht etwa deswegen aufs Festland gezogen, weil ihnen die bösen Touristen den Wohnraum wegnehmen und das Leben sonst erschweren. Sondern, weil Venedig schlicht keine Stadt des 21. Jahrhunderts ist. Für viele Menschen ist es beschwerlich, die Einkäufe nicht mit dem Auto vor die Haustür karren zu können, dem Klempner als Anreise eine teure Bootsfahrt vom Festland bezahlen zu müssen und mit dem Wasserbus jedes Mal 40  Minuten Fahrtzeit zum Bahnhof einzukalkulieren, wohlgemerkt bevor man den Zug nach Padova besteigen kann, wo dann der Job wartet.

Lange schon bietet Venedig den wenigen verbliebenen Venezianern wenig Arbeit und kein Leben, wie es in Europa im Jahr 2019 als normal empfunden wird. Nicht jede/r mag in einer Kulisse wohnen, nicht alle wollen auf einer Insel leben, die irgendwie aus der Zeit gefallen ist. Tatsächlich sind unter den Noch-Anwohnern sehr viele Akademiker, Künstler, Pensionäre, reiche Ausländer – sowie natürlich jene, die vom Tourismus profitieren. Also Restaurantbesitzer. Geschäftsleute, Hoteliers.

Eine Stadt kann tatsächlich sterben, wenn die Naturgewalt sie überrollt. Aber auch dann, wenn sie verlassen wird. Im Falle von Venedig fällt mir gerade kein Patentrezept für das Überleben ein. Zwangsansiedlung ist ja wohl keine Lösung. Oder soll man den Menschen in Mestre Subventionen zahlen, damit sie wieder in die Lagunenstadt ziehen?

Venedigs drohender Untergang beschäftigt und, weil er emblematisch ein allgemeines Lebensgefühl spiegelt. Aber wir sollten uns davon nicht von nüchternen Analysen wegtragen lassen.

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