Italien-Corona 0:5

Vorab meine heutige Lieblingsschlagzeile, entdeckt auf Zeit-online: „Berlin ist nicht Weimar. Das hat Hamburg gezeigt.“ Grübel, grübel.

Aber hier soll es ja um Italien gehen und um seine Seuchen-Topographie. Am Tag fünf der Massenpanik (325 Infizierte) erleben wir unter anderem: Eine neapolitanische Immobilienagentur, die den Slogan ausgibt „Wir vermieten nicht an Norditaliener“ (in Anspielung an die berüchtigten Schilder zur rassistischen Abwehr von süditalienischen Arbeitsemigranten im Turin und Mailand der 1960er Jahre). Der Bahnhof in Casalpusterlegno, wo wegen des Schwächeanfalls einer Angestellten über Stunden der gesamte Zugverkehr von Nord- nach Süditalien lahmgelegt wird – bis zum negativen Testergebnis der armen Frau. Ein Mailänder Gericht, das Zwei-Meter-Sicherheitsabstand zwischen den Prozessbeteiligten anordnet. Die Verschiebung der Mailänder Möbelmesse, der Kinderbuchmesse in Bologna, das Streichen eines Liederabends für Präsident Macron in Neapel (!) und römische Ärzte, die nicht mehr als fünf Patienten in ihr Wartezimmer lassen. Der WWF hat in der Hauptstadt (ein Infizierter) sogar einen Freiluft-Flashmob abgesagt, gecancelt werden aber auch alle möglichen Pressekonferenzen.

Man schaltet das Radio ein: Corona. Den Fernseher: Idem. Im Internet wird man erschlagen mit Corona. Es scheint gar nichts anderes mehr zu geben, allerdings findet sich im Netz auch der glänzende Kommentar, Österreich solle sofort seine Grenzen schließen, falls noch ein Italiener über 80 stürbe. Im Iran, Irak und auf den Seychellen gilt das schon: Italiener müssen draußen bleiben. Mauritius hat sich damit begnügt, nur den Norditalienern die Einreise zu verweigern. Die Niederlande empfehlen ihren Bürgern, einen Bogen um Norditalien und Rom zu machen.

Aus Deutschland hagelt es besorgte Anrufe.

Alles in Ordnung bei euch? Schon Vorräte eingekauft?

Bestens. Die Busse waren noch nie so leer wie heute. Im Museum und im Restaurant ist man sowieso ganz alleine. Und ihr so?

Machen wir uns nichts vor. Die Italiener mögen zum Melodram neigen, aber in Deutschland wäre die Reaktion wohl auch nicht viel anders. Die Medien befeuern auch dort die Angst schon aus vollen Rohren. Tausende haben ihre Italienreisen abgesagt. Wobei wir bei der ökonomischen Komponente wären. Massenweise Stornierungen in Mailand, Venedig, aber auch in Florenz, Rom und weiter südwärts. Kurssturz an der Börse, Verluste durch die Schließung von Produktionsstätten. Angeblich kostet die Angelegenheit Italien schon jetzt 0,4 Prozent vom Inlandsprodukt, dabei ist das Land ohnehin in der Rezession. Falls es noch Beweise für die irrsinnige Fragilität unserer Konsumgesellschaften brauchte: Prego.

Während Salvini Steuerbefreiung für ganz Norditalien fordert (jawohl, in Corona-Country regieren lauter Lega-Männer), weist Ministerpräsident Conte den Staatsrundfunk an, gefälligst keine Panik zu machen. Und tatsächlich gibt es plötzlich ganz andere Schlagzeilen: 95 Prozent der Infizierten verspürten keinerlei Beschwerden, überhaupt sei Corona nicht mehr als eine Grippe, eher weniger.

Die Welle der Hysterie ebbt also langsam ab. Um der nächsten Platz zu machen.

 

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