Gesundheit!

Nie war die Großfamilie so bedroht und so wichtig wie in diesen Zeiten. Das gilt natürlich auch für unseren italo-deutsch-amerikanischen Clan, der sich über Ländergrenzen und Meere hinweg in einer Whatsapp-Gruppe austauscht. Es wird debattiert, es werden lustige Videos geschickt, früher ging’s um Fußball, heute geht’s klarerweise um Miss Corona. Eine von uns, Mutter zweier Kleinkinder, arbeitet als Ärztin einem norditalienischen Krankenhaus. Sie schreibt:

„Leider hat nicht nur Trump das Problem unterschätzt. Auch hier sind fatale Fehler begangen worden. In primis, was das Personal im Gesundheitswesen anbelangt. Ärzte, die buchstäblich wie Kanonenfutter behandelt wurden, mit bloßen Händen in den Kampf geschickt. Das ist die Realität. Bis zur Notverordnung am 10. März haben wir unsere Patienten ohne Mundschutz untersuchen müssen, um keine Panikstimmung zu erzeugen. Jetzt sehen wir, was das gebracht hat. Inzwischen sind viele Ärzte krank und sie haben vor allem auch andere angesteckt.“

4824 Personen aus dem Gesundheitsbereich sind infiziert, doppelt soviel wie in China. Natürlich gibt es Verantwortliche dafür, genauso wie es Verantwortliche gibt für die erschreckend hohe Zahl der Toten. Seit Tagen wird gerätselt, wieso die Seuche in vielen anderen Ländern, vor allem aber in Deutschland weniger tödlich ist als in Italien. Angeblich werden in Deutschland nur diejenigen erfasst, die ausschließlich an Corona gestorben sind, während die Italiener MIT Corona sterben, aber mehrere Vorerkrankungen hatten. Aber es schält sich immer deutlicher heraus, dass das bei weitem nicht der einzige Grund ist. Vielmehr sind ältere Italiener weniger gesund als ältere Deutsche. Sie werden weniger umsorgt, dabei ist ein Viertel der Bevölkerung über 65. Es fängt damit an, dass man den Zahnarzt bezahlen muss. Es geht weiter mit Monate langen Wartezeiten für die Diagnostik, von einer OP mal ganz zu schweigen. Italienische Hausärzte setzen keine Spritzen, sie verschreiben höchstens welche. Ihre Diagnose-Gerätschaft beschränkt sich zumeister auf die Auskultation und, wenn man Glück hat, auf den Blutdruckmesser. Die Folge ist, dass alle sehr viel weniger häufig zum Arzt gehen als in Deutschland. Wie oft haben wir uns über die wehleidigen Deutschen lustig gemacht, die wegen einer Erkältung zum Doktor rennen oder über den Kreislauf klagen! Italiener haben keinen Kreislauf, frotzelten wir. Wir brauchen keine Beta-Blocker, wir haben unser tolles italienisches Essen. Und jetzt haben wir den Salat.

Gerade in den Regionen des Nordens haben zudem rechte Verwaltungen das Gesundheitssystem kaputtgespart. Krankenhausbetten gestrichen, Krankenhäuser geschlossen, Planstellen gestrichen. Im Süden gibt es unfassbar wenige Hospitäler, in Kalabrien habe ich die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“, die normalerweise in Katastrophengebieten und armen Ländern im Einsatz ist, Erntearbeiter behandeln sehen. Das Schiff Italien hat schon lange Schlagseite, jetzt droht es endgültig zu sinken. Sicher, auch die irre Sparpolitik der EU hat ihren Anteil. Plötzlich wird sie obsolet. Aber wird das auch so bleiben? Werden wir uns daran erinnern, dass ein Staat und erst recht ein Staatenverbund nur stark ist, wenn er seine Schwächsten schützt?

Jetzt wird so getan, als sei die Analyse fehl am Platz. Als sei es obszön, die Verantwortlichen zu benennen. Stattdessen wird den Krankenhausleuten vom Balkon applaudiert, werden Durchhalteparolen ausgegeben, sowie Heldensagen erzählt von 85-Jährigen Ärzten, die in den OP zurück kehren (kein Witz!) und 30-Jährigen Jungmedizinern, die an die Front ziehen.

Auf Seite 4 der Süddeutschen finde ich heute diesen Kommentar:

„Bisher halten die Menschen tapfer durch. Es gibt größere Helden, jene, die in Krankenhäusern ganz vorne stehen im verzweifelten Kampf, im Wissen, um im Kriegsvokabular zu bleiben, dass auch sie fallen können. So wie in der 45 000-Einwohner-Stadt Lodi, wo ein Arzt an Covid-19 gestorben ist, der 18. in Italien. Und dann gibt es die zahllosen kleinen Helden. Sie sitzen seit drei Wochen zu Hause, viel drastischer eingesperrt als hier, viele geplagt von Existenzängsten, viele allein, denn die italienische Großfamilie unter einem Dach kommt im Klischee öfter vor als in Wirklichkeit. Trotzdem bewahren die allermeisten Fassung und Disziplin.“

Fassung und Disziplin? Ein ganzes Volk bezahlt hier gerade mit umfänglichster Freiheitsberaubung die Fehler einer politischen Kaste, die das öffentliche Gesundheitssystem ins Koma versetzte, weil sie sich Privatleistungen erlauben konnte. Heute zerren Soldaten auf dem Hauptbahnhof in Mailand die Reisewilligen von den Bahnsteigen, während in römischen Parks Drohnen rebellische Spaziergänger aufspüren sollen (es gab keine). Wo war das Militär, wo bleibt die Polizei, wenn in der Notaufnahme von Neapels Krankenhäusern geschossen wird, wenn dort Ärzte zusammen geschlagen werden, weil sie einen Camorrista nicht rasch genug behandeln? Ich will mich darüber gar nicht weiter verbreiten, sondern lasse lieber die junge Ärztin aus unserer Familie sprechen:

„Es wäre schön, wenn alle einfach ihre Pflicht erfüllten, anstatt von Helden zu reden. Man soll uns schlicht die Bedingungen schaffen, in denen wir unsere Arbeit machen können.“

China hat Ärzte und Geräte geschickt. Russland hat Ärzte und Beatmungsmaschinen geschickt. Kuba hat Ärzte geschickt.

Nach Kuba sandte mein Mann vor Jahren kiloweise Papier an seine Kollegen – die Unis im Castro-Reich hatten keines mehr. Gestern bekam er eine Mail von einem ehemaligen Doktoranden aus China. Der junge Ingenieur fragte nach unserer Adresse, um uns ein Paket mit Atemschutzmasken zu schicken.

 

 

 

 

 

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s