Festung

Jetzt, da so gut wie niemand mehr herein kann oder heraus, gleicht das Dorf wirklich einer Festung. Wenn es sie gäbe, hätte man wohl auch noch die Zugbrücke hochgezogen. Da liegt dann das winzige Centro Storico, eine Piazza, eine Kirche, zwei Straßen, ein Adelspalast, eine Terrasse über dem Tibertal. Und das neue Dorf mit den Reihenhäusern, einigen größeren Eigenheimen mit Garten, dem sozialen Wohnungsbau. Ein Tante-Emma-Laden, ein Getränkehandel mit ein paar Lebensmitteln, ein Metzger (der zweite hat zu Jahresbeginn zugemacht), ein Bäcker, ein Tabakladen mit Zeitungen, eine Apotheke. Zweimal in der Woche kommt ein Gemüsehändler (der Juwelier!), einmal der Fischwagen. Eigentlich gar nicht schlecht für so eine Siedlung mit 1000 Einwohnern. Die Bauernschaft kommt noch hinzu, sie ist sehr weitläufig. Obst- und Gemüsegärten, Olivenhaine, Wein, Hunde und Hühner. Heute morgen, als es schneite, habe ich einen Pfau gesehen, so prächtig wie ein Traumbild.

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Wie wird das mit dem Dorf? Keiner ist infiziert, offiziell. Auch im Nachbarort nicht, in den wir ab heute sowieso nicht mehr fahren dürfen. Erst zehn Kilometer weiter gibt es drei Infizierte, gestern waren es vier.

Es bleiben alle zu Hause. Wenn in Italien ein Viertel der Bevölkerung über 65 ist, so ist es hier knapp die Hälfte. Die Alten haben Angst. Es sind ja auch keine Ärzte da. Normalerweise wechseln sie sich montags bis freitags ab in der Sprechstunde in einem winzigen, ungeheuer spartanischen Untersuchungszimmer neben der Gemeindeverwaltung. Jetzt kommen die Ärzte nicht. Nur die wirklich allerhärtesten 80-Jährigen turnen bei eiskaltem Nordwind in ihren Olivenbäumen herum, weil die unbedingt jetzt noch zurück geschnitten werden müssen. Das sind dieselben, die cool den Motor ihres Ape-Pritschenwägelchen abstellen, wenn’s bergab geht.

Die beiden Apothekerinnen tragen rotkarierte Atemschutzmasken, es sieht aus, als hätten sie eine Serviette im Gesicht. Den lustigen und deshalb zauberhaft beruhigenden Mundschutz hat die Signora Bruna genäht. Bruna näht für das ganze Dorf. Eigentlich kann man auch Nudeln bei ihr bestellen oder Crostata, eine Art Linzer Torte mit selbstgemachter Sauerkirschmarmelade. Das geht jetzt aber leider auch nicht. Bruna ist in ihrem Häuschen mit der hohen Treppe verbarrikadiert. Hochrisikogruppe, sie ist 90. Wenn sie doch mal Einkaufen geht, trägt sie eine ihrer Masken. Grün, blau, rotkariert.

Das Dorf hält sich wacker. Die Müllabfuhr funktioniert, sie kommt weiter täglich. Der Bäcker macht diese großartige, umbrische Osterpizza mit Schafskäse und Pfeffer. Der Gemüse-Juwelier hat Artischocken. Am Samstag kommt der Büffelzüchter aus dem Tal hochgefahren und verkauft seine Mozzarella.

Abgeschottet waren wir ja irgendwie schon immer. Außer in der Ferienzeit, wenn die Städter kommen und ihre Zweithäuser beziehen. Leute aus Rom, aber auch aus Brüssel, aus Wien und Hamburg, sogar ein japanisches Ehepaar aus New York. Jetzt ist bald Ostern und wir werden unter uns bleiben. Keiner darf rein und keiner darf raus.

Aber irgendwann wird die Bar wieder aufmachen. Und die Pizzeria. Und die Festung wird zum Leben erwachen.

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