Demut

Wenn ich mir meine Einträge von vor zehn, ach was sieben Tagen ansehe, befällt mich ein Gefühl der Scham. Wie lange es doch braucht, bis man kapiert, was hier geschieht! Also, jedenfalls habe ich lange gebraucht. Mich lange gesperrt gegen dieses grauenhafte Zahlengewitter allabendlich um 18 Uhr, wenn der Zivilschutz die neuen Zahlen veröffentlicht. Gegen die unerträglichen Bilder aus Bergamo. Heute kann ich unsere Vorfahren im Sommer 1914 etwas besser verstehen, die ähnlich kalt erwischt wurden: Attentat in Sarajewo und auf einmal war Krieg. Aus heiterem Himmel ist unser Alltag angehalten, unser ganzes Leben. Und wir wissen nicht, wie es weitergeht.

Es ist Krieg, jedenfalls in Italien. Und leider inzwischen auch in Spanien. In Großbritannien und in den USA, wo alles noch viel schlimmer ist, weil die Menschen noch nicht einmal ein staatliches Gesundheitssystem haben und dazu einen aggressiven Idioten als Staatenlenker. 75.000 Kranke, 7.500 Tote, bei weitem nicht nur alte Leute. Das ist Italien, wo in den letzten vier Tagen die gleichbleibende Zahl von 3.500 Neuansteckungen schon für vorsichtigen Optimismus sorgt. 3.500 täglich.

Sicher, auch in diesen Zeiten darf man es weiterhin absurd finden, dass das Innenministerium ein tägliches Alternativ-Bulletin verabschiedet. 228.057 Polizeikontrollen mit 8.310 Anzeigen an einem Tag! Macht seit Beginn der Ausgangssperre 2,5 Millionen Kontrollen mit 109.964 Anzeigen nach Paragraph 495 und 650 StGb. Die Jagd auf Ungehorsame scheint also ziemlich erfolgreich zu sein, leider handelt es sich jedoch um einen Nebenkriegsschauplatz. Denn der eigentliche Kampf wird Gottseidank nicht von der italienischen Polizei geführt, auch nicht von der Politik oder den Ökonomen, sondern von WissenschaftlerInnen. Die gute alte Schulmedizin wird uns retten! Leute, deren Waffe ihr durch gründliches, geduldiges Studium angeeignetes Wissen ist und ihr Mut zum Experiment. Der kranke Westen wird von Ärzten kuriert, die nicht nur rund um die Uhr in den Krankenhäusern arbeiten, sondern auch in den Labors.

Darauf zu warten, bis es soweit ist, das ist jetzt die große Demutsübung. Und irgendwann kann man dann wieder schauen, wie es den anderen geht. Zuerst natürlich den eigenen Lieben. Und dann denen, die in diesen düsteren Zeiten an die heitere Seele Italiens erinnern. Wie dieser Knoblauchverkäufer an den Salinen von Trapani.

DSC_0645

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s